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Schliersee : Der Steg ist das Ziel

  • -Aktualisiert am
Lage des Schliersees mit dem Wendelstein, einem der Münchener Hausberge

Der Schliersee ist klein, überschaubar, behaglich. Das Wasser plätschert ruhig ans Ufer. Auf der Insel in seiner Mitte befindet sich ein Ausflugsrestaurant, das von der „Schliersee III“ angefahren wird, dem einzigen Ausflugsboot auf dem See. Sieben Kilometer sind es nur, dann hat man den See einmal umrundet. Am Tegernsee sind es dreimal so viel, betonen die Schlierseer gerne, weil sie stolz darauf sind, dass es hier noch so beschaulich zugeht. Und überhaupt, dreimal so viel ist vieles am Tegernsee: Der Stau auf der Küstenstraße, der Preis für die Zimmer und die Anzahl der Preißn, der Geldigen und der Großkopferten aus München, Stuttgart oder Dubai, „diese überambitionierte Bagage“, wie Polt sie vielleicht nennen würde.

Dunkles Wasser, leichter Wind

Andreas Stöger, der Schnapperwirt, ist nebenbei auch Bootsverleiher, und das war einer der Gründe, warum er sich aus der Gastronomie zurückgezogen hat. Seine Boote liegen am südlichen Ende des Schliersees, dort, wo viel weniger los ist als im Hauptort. Im Ortsteil Fischhausen gibt es nur ein paar Pensionen und am Ufer einige holzgetäfelte Bootshäuser, deren Stege in den See ragen. „Hier war früher, als es noch keine Straße gab, die Überfahrt nach Schliersee“, erklärt Stöger. Das Gasthaus habe seinen Namen aus dieser Zeit, als noch Zoll erhoben wurde und man sich hier das Geld der Menschen „geschnappt“ habe. 1901 wurde dann das Überfahrtsrecht in ein Bootsverleihrecht umgewandelt - und das liegt heute noch beim „Schnapperwirt“.

Das dunkle Wasser kräuselt sich leicht im Wind, ein Schwan schwimmt daher und umrundet den Bootsverleihsteg. Besucher der Ausstellung, die derzeit zu Polts Geburtstag im Münchner Literaturhaus läuft, sehen ihn genau auf diesem Steg sitzen. Die ganze Ausstellung ist wie ein großer Bootsverleihsteg aufgebaut, auf dem Steg vom „Schnapperwirt“. Polt spielt den Bootsverleiher und spricht von einer Leinwand zu seinem Publikum: „Mehr als Bootsverleiher kann man eigentlich nicht werden.“ Dieser Beruf habe etwas Beschwingtes-Erleichterndes. Und: „Es ist wurscht, wie sich Europa entwickelt, im Bootsverleih wird es keine Veränderung geben.“

Noch ein Bier

„Als Bootsverleiher hast du den ganzen Tag mit dem See zu tun, und dieser See ist jeden Tag anders“, schwärmt der echte Bootsverleiher Andreas Stöger in Fischhausen und erzählt, dass er gespürt habe, dass diese Vorstellung auch Polt immer gefallen habe. Doch im Gegensatz zur Ausstellung in München, wo Polt langsam zum Klassiker wird und ähnlich wie Karl Valentin mittlerweile auch Geisteswissenschaftler beschäftigt, ist er am Schliersee, nur fünfzig Kilometer weiter südöstlich, einfach nur der Gerhard, der keine Rolle spielt, sondern so ist, wie man ihn kennt. Stöger sagt: „Wieso sollte ich ein Bild von ihm aufhängen? Da müsste ich ja von jedem anderen Gast auch ein Bild aufhängen.“ Und sein Blick fragt: Braucht’s des!?

Beim „Schnapperwirt“

Am Stammtisch beim „Schnapperwirt“ wird es langsam voll: Da sitzen sie, der Hinreiner Rudi, der Ismeier Manfred, der Rudi Löhlein und der Nepomuk Pröpstl. Die heißen natürlich genauso wenig so, wie der „Leberkäs Hawaii“ auf der Karte steht. Aber sie könnten so heißen, so wie die Menschen aus dem Sketch-Repertoire von Gerhard Polt. Ein paar Halbe, ein Schweinsbraten, auf dem Tisch die von Polt würdig kritisierte Zeitung „Miesbacher Merkur“ - und natürlich das übliche Umeinandergrantln:

„Wer keine Freude hat, ist eine arme Sau.“

„Ja, so ein Schmarrn.“

„Aber menschlich ist es ja verständlich.“

„Noch ein Bier, der Herr?“

Dann geht die Tür auf, und alle drehen sich kurz um. „Ja, wos is des?“ Es ist - nein, nicht der Gerhard Polt, es sind nur der Saller Wolfi und der Leinschwender Sepp.
 

Der Weg zum Schliersee

Anfahrt Mit dem Auto auf der A8 bis Weyarn, dann über Miesbach nach Schliersee. Ab München Hauptbahnhof fährt die Bayerische Oberlandbahn: www.bayerischeoberlandbahn.de.

Der „Schnapperwirt“ in Fischhausen am südlichen Ende des Schliersees (Neuhauser Straße 4) wird seit kurzem wieder von Familie Stöger betrieben, der auch ein kleiner Bootsverleih gehört.

Der größte Bootsverleih in Schliersee wird von Familie Lauber betrieben; ihr gehören 41 Boote und die „Schliersee III“, das einzige Ausflugsboot am See: www.schlierseeschifffahrt.de.

Die Ausstellung „Braucht’s des?!“ zu Gerhard Polts 70. Geburtstag läuft noch bis 10. Juni 2012 im Literaturhaus München. Bei Kein und Aber ist „Gerhard Polt und auch sonst - Im Gespräch mit Herlinde Koelbl“ erschienen (19,90 Euro).

Weitere Informationen zum Schliersee: www.schliersee.de und www.bayern.by

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