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Safrandorf im Wallis : Gelbe Finger vom roten Gold

  • -Aktualisiert am

Doch das eigentliche Gewürz, das viermal intensiver sein soll als orientalische Ware, ist nicht zu haben. Die Verkäuferin vertröstet auf Mitte November. Wenn die Safranzunft sich zu ihrer Generalversammlung getroffen und die jährliche Ausbeute des roten Goldes exakt festgestellt hat, finden manchmal auch ein paar Gramm davon in den Genossenschaftsladen, den zentralen Treffpunkt der rund sechshundert Bewohner von Mund.

15 Gramm Blütennarben

Außer dem Geschäft gibt es das Schulhaus, die ehrenamtlich geführte Bibliothek, die Filiale der Raiffeisenbank und die winzige Poststelle, die jedem Brief ihren Stempel aufdrückt: "Mund - das Safrandorf im Wallis". In den beiden Gasthäusern "Jägerheim" und "Safran" kann man goldgelbes Risotto bestellen. Das Jägerheim hat früher auch ein paar Betten gehabt, heute jedoch nicht mehr. Es gibt keinerlei Fremdenzimmer im Dorf, denn Mund ist kein touristischer Ort, auch wenn im Herbst einige Tagesausflügler kommen, um die im Wind zitternden violetten Gewürzblumen zu bewundern, zwischen den alten wettergegerbten Stadeln herumzustreifen, auf dem Heilpflanzenweg zu wandern oder entlang der uralten Wasserkanäle ins Gredetschtal aufzusteigen.

Kathrin und Pius Schnydrig sind die letzten Vollerwerbslandwirte von Mund. Neben Kleinvieh und einigen Schweinen haben sie achtzehn Milchkühe zu versorgen. Im Sommerhalbjahr zieht man von einer Alp zur nächsten; die beiden kleinen Töchter gehen mit. Auch Pius hat schon im Tal gearbeitet, aber das war nichts für ihn. Er ist Bauer aus Überzeugung. Für den Safrankäse gibt Kathrin Schnydrig fünfzehn Gramm Blütennarben auf dreihundert Liter Milch.

Safran muß mit Andacht gegessen werden

Mit Früchtebrot und Walnüssen wird der leuchtend gelbe Schnittkäse als Spezialität in der Ausflugsgaststätte "Salwald" gereicht, die auch als Herberge fungiert - mit einem einzigen Fremdenzimmer und dem Massenlager für Wanderer. Berühmt ist der Gasthof für seine Küche, die sich konsequent um das rote Gold von Mund dreht. Neben Safrankäse, Safranfondue und -risotto gibt es hier auch ein Safranparfait. Man muß Wirtin Martha schon sehr bitten, bis sie verrät, daß es Sahne, Zucker, Eigelb, Eischnee und natürlich Safran für die halbgefrorene Köstlichkeit braucht. Genaueres wird auch hier nicht verraten, und Fragen stellen darf man erst, wenn man den Teller leer gekratzt hat.

Safran muß mit Andacht gegessen werden, meint Frau Wirtin nämlich. Fast zweihundert Mitglieder hat die Safranzunft in Mund inzwischen. Rund siebzig Parzellen werden wieder gepflegt, soviel wie nie zuvor in Mund. Knapp fünf Kilo hat man im vorigen Jahr geerntet, ein Quantum, das die Nachfrage allerdings bei weitem nicht deckt. Seit 1978 ist der Preis des Munder Safrans auf zwölf Franken pro Gramm festgelegt. Eigentlich lohnt sich dafür die Plackerei nicht.Niemand in Mund lebt vom Safran allein. Auch Ruth Blaser nicht, die jede einzelne Blüte ihrer Ernte gezählt hat. Verkaufen wird sie vermutlich auch diesmal kein Gramm davon. Ruth stellt die Gläser mit dem roten Gold in den Tresor. Dann und wann verschenkt sie eine Handvoll Fäden. "Der Safran ist eine Passion", sagt sie und pflückt die letzten Blüten der Saison. Noch einmal werden sich ihre Finger gelb färben, und der Duft des trocknenden Gewürzes wird das Haus parfümieren. Für morgen aber ist Schnee angesagt. Fast ein Jahr wird es dann dauern, bis die Munder wieder ihr Gold ernten können.

Reisezeit

Um die Safranblüte zu erleben, sollte man in der zweiten Oktoberhälfte nach Mund reisen, dann ist Kernzeit von Blüte und Ernte.

Anreise

Mit der Bahn über Basel bis Brig und im Postbus weiter nach Mund. Mit dem Pkw über Bern, Thun Kandersteg (dort Autoverladung durch den Lötschbergtunnel nach Goppenstein) und Brig bis Mund.

Unterkunft

In Mund selbst kann man nur im idyllisch gelegenen "Gasthof Salwald" übernachten. Es stehen dort ein Zweibettzimmer, zwei Siebenbettzimmer sowie ein "Massenlager" zur Verfügung. Die Übernachtung mit Halbpension (nur möglich vom 15.April bis 1.November) kostet ab 55 Franken pro Person. Reservierungen unter 0041/279230812 oder 0041/279231218.

Alternativ empfiehlt sich die Übernachtung im sehr angenehmen und persönlich geführten "Hotel Bahnhof" in Ausserberg, etwa zwei Stunden Wanderweg von Mund entfernt, Postbusverbindung besteht ebenfalls. Übernachtung/Frühstück ab 47 Franken pro Person, Reservierungen unter Telefon 0041/279462259.

Safranspezialitäten

Vom Fondue übers Risotto bis zum Parfait werden in den beiden Munder Dorfrestaurants "Jägerheim" und "Safran" serviert. Sehr gut ist die Küche im nahe gelegenen Ausflugsgasthof "Salwald". Im Dorfladen sind Safrannudeln, Safranlikör, Safrankäse und Safranbrot (auf Vorbestellung) erhältlich. Original Munder Safran als Gewürz gibt es im Laden nur von Mitte November bis Weihnachten. Manche Safranzüchter verkaufen jedoch kleine Mengen, wenn man freundlich danach fragt; der Preis liegt bei zwölf Franken pro Gramm.

Information

Mund Tourismus Infostelle, CH-3903 Mund, Telefon 0041/ 279242689, Fax -279242163 oder bei Schweiz Tourismus, Postfach 16 07 54, 60070 Frankfurt/Main, kostenlose Servicenummer: 0800/ 10020031 (täglich acht bis 21 Uhr).

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