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Reiterferien : Die Leere ist ein Segen

  • -Aktualisiert am

Dies ist nicht der Wilde Westen, sondern Nordhessen Bild: Touristeninformation Kassel-Land

Nordhessen ist arm an Straßen, Ballungszentren und Einwohnern. Wer hier Urlaub macht, schätzt die Abgeschiedenheit. Bislang sind die Touristen aber ausgeblieben. Jetzt macht Nordhessen aus der Not eine Tugend und wirbt um Wanderreiter.

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          Der Schecke an der Spitze des Trosses richtet die Ohren nach vorne und fällt mit einem Schnauben in Galopp. Sofort durchläuft die Anspannung wie eine Welle die Gruppe von zehn Reitern. Die Tritte ihrer Pferde werden raumgreifender, die Hufe drücken sich tiefer in den federnden Waldboden, Steigbügel quietschen, letzte Rangeleien um die Ordnung innerhalb des Trecks werden ausgetragen.

          Dann hat sich jeder in die schnelle Gangart eingefunden, die Pferde stürmen jetzt den flach ansteigenden Waldweg hinauf. Obwohl es beim frühmorgendlichen Aufbruch nach Regen aussah, lugen nun Sonnenstrahlen durch den lichten Mischwald, streifen hier die Spitze einer Fichte, dort den Zweig einer Buche und zeichnen Muster auf den blätterbedeckten Boden. In das Geräusch gedämpften Huftrappelns mischt sich hin und wieder ein Keuchen der Pferde. Ansonsten herrscht Stille, eine Ruhe, die man in Deutschland selten so tief findet wie in den Wäldern Nordhessens.

          Einsame Wege und kaum befahrene Straßen

          Arm an Straßen, Ballungszentren und Einwohnern ist diese Landschaft solchen Reisenden vorbehalten, die sich vom vorauseilenden Ruf seines "sibirischen" Klimas nicht abschrecken lassen, die Abgeschiedenheit des Waldes schätzen und dem unspektakulären Zauber von Mittelgebirgszügen zugänglich sind. Bislang allerdings ist der Norden Hessens vom Gros der Deutschland-Fahrer schlichtweg übersehen worden.

          Ein Hauch von Prärie: Wanderreiten in Nordhessen
          Ein Hauch von Prärie: Wanderreiten in Nordhessen : Bild: Touristeninformation Kassel-Land

          Jetzt hat das Tourismusamt Nordhessens den Mangel an Urlaubern und Infrastruktur kurzerhand zur Stärke umdefiniert und spricht damit vor allem eine Zielgruppe an: die Wanderreiter, die ganz besonders auf einsame Wege und kaum befahrene Straßen angewiesen sind.

          Vorreiter in Deutschland

          "Urlaub und Reiten in Nordhessen - mit dem Pferd durch Wald und Flur" heißt die Kampagne, mit der sich Nordhessen aus seinem Schattendasein befreien will. Um auch unerfahrenen Wanderreitern oder Reitsportlern ohne eigenes Pferd den Einstieg zu erleichtern, sind in einem Katalog Reiterhöfe mit einer kompletten Infrastruktur zusammengestellt worden.

          Ihre Qualitätsstandards wurden von der Federation Equestre Nationale überprüft. Zu niedrige Pferdeboxen, unberechenbare Tiere mit Satteldruck oder auch nur ein zu mageres Abendessen nach einem anstrengenden Tagesritt werden somit ausgeschlossen. Regelmäßige Kontrollbesuche und Fortbildungen halten das Niveau aufrecht. Mit dieser Idee ist Nordhessens Wanderreittourismus zum Vorreiter in Deutschland geworden.

          Moderate Preise und schlichte Gemütlichkeit

          Neunzehn Reiterhöfe haben bisher das Qualitätssiegel erhalten. Das Netz reicht zwar noch nicht aus, um in Tagesritten von einem geprüften Betrieb zum nächsten zu gelangen. Doch das Tourismusamt baut darauf, daß sich weitere Betriebe dem Projekt anschließen werden.

          Vom Bauernhof, in dem man das eigene Pferd einstellen kann, bis hin zum professionellen Reitbetrieb mit gut ausgebildeten Pferden samt Reitlehrer und Rahmenprogramm für Kinder sind die neunzehn Höfe in verschiedene Kategorien eingeteilt. Allen gemeinsam indes sind die moderaten Preise. Und sie überzeugen durch ihre schlichte Gemütlichkeit - Reiten wird im Nordhessischen ohne übertriebene Noblesse betrieben.

          Zufriedenes Pferdeschnauben

          Das gilt auch für den Hof "Glockenreiter" am Rande von Bad Hersfeld. Uwe Göbel bewirtet seine vom Tagesritt zurückgekehrten Gäste in der ehemaligen Wäscherei, die nun als Speisesaal und Aufenthaltsraum genutzt wird. Rings um das alte Gebäude liegen ausgedehnte Koppeln, geräumige Ställe und vereinzelte Häuser mit Ferienwohnungen. Aus der Dunkelheit dringt ab und zu ein zufriedenes Pferdeschnauben, drinnen im Saal wird eine Gitarre gestimmt, und mit den Westernsongs zieht ein Hauch von Prärie über die Wälder Nordhessens.

          Bis spät abends wird gefachsimpelt und das gesamte Reiterlatein aufgefahren, wobei man sich in einem stillen Augenblick doch lieber noch einmal von Uwe Göbel seine reiterlichen Schwächen erklären und verbessern läßt. Denn wenn tagsüber die Kommunikation zwischen Reiter und Pferd nicht gestimmt hat, liegt es hier gewiß nicht am Pferd.

          Bequeme Westernsättel

          Die Tiere sind für das Terrain gut ausgebildet und so feinfühlig, daß sie manches Schulreitpferd, das man bisher erlebt hat, als neurotisches und verrittenes Wesen erscheinen lassen. Bei den "Glockenreitern" wird jeder der französischen Warmblüter regelmäßig nach einem halben Jahr aus dem Alltagsbetrieb herausgenommen, um ihm einen Monat der Ruhe zu gönnen.

          Ohne Bedenken schwingt man sich daher auch am nächsten Morgen wieder in die bequemen Westernsättel, um ein neues Stück Nordhessens zu durchstreifen. Das vergleichsweise liberale Forstrecht Hessens öffnet Reitern mehr Wald- und Forstwege als in den meisten anderen Bundesländern.

          Auf den Spuren der Brüder Grimm

          Ein dichtes Streckennetz führt durch Felder und Wiesen, vorbei an Fachwerkdörfchen, hinauf zu mittelalterlichen Burgruinen, an Bächen und Flußufern entlang und immer wieder durch die dicht bewaldeten Gebiete des Knüllgebirges, des Vogelsbergs und der Rhön. Es sind diese Burgen, Dörfer und vor allem die Wälder, deren geheimnisvolle Ruhe, manchmal verzaubert wirkende Baumformationen und Schattenspiele den Brüdern Grimm als atmosphärischer Rahmen für ihre Märchen dienten. Zahlreich sind daher auch die von den Reiterhöfen angebotenen Märchenritte auf den Spuren der beiden Brüder.

          Während die Ausritte im Frühling und Sommer meist mit einer Picknick-Pause oder dem Grillen am Lagerfeuer verbunden sind, kehrt man im Herbst und Winter in pferdetauglichen Waldgasthöfen ein, in denen für die Pferde vorbereitete Boxen zum Ausruhen bereitstehen. So kommen Mensch und Tier zu ihrem Recht.

          „Urlaub und Reiten in Nordhessen“ heißt der Katalog, den man im Internet von der Seite www.nordhessen.de herunterladen kann. Erhältlich ist er auch unter der Anschrift: Region Kassel-Land, Bahnhofstr.26, 34369 Hofgeismar, Telefon: 056 71/50 75 38, E-Mail: info@region-kassel-land.de, im Internet: www.kassel-land.de

          Pferdehof „Die Glockenreiter“ , Fuldastraße 17, 36251 Bad Hersfeld, Telefon: 0 66 21/ 96 80 00 und 0171/3 43 76 41, im Internet: www.wanderreiten-in-waldhessen.de

          Weitere Informationen über das Wanderreiten in Nordhessen gibt es im Internet unter www.reitstationen.de

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