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Reisebuchungen : Alles im Netz

Bei Reisebuchungen ist das Internet zur festen Größe geworden. Die Billigflieger zwangen ihre Kunden als erste an die Rechner, nun ziehen auch Reisekonzerne, Reiseführerverlage und Hotelketten nach.

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          Vor wenigen Tagen hat die Bundesregierung wieder einmal Reformeifer bewiesen und das Ritual des reglementierten Schlußverkaufs abgeschafft. Jetzt kann jeder sein Lager räumen, wann immer es ihm paßt. Zu den ersten, die so frei gewesen sind, gehört das Hamburger Reiseportal travelchannel.de, das noch bis Donnerstag mit viel Tamtam zum "Alles muß raus"-SSV trommelt.

          Eine Woche Mallorca liegt für lächerliche 259 Euro auf dem virtuellen Krabbeltisch, die Malediven für 299 Euro sind längst weg, es gibt aber noch die Toskana für 92 Euro und Tirol für 66 Euro. Dieses Verramschen von Pauschalreisen ist allerdings kein Zeichen dafür, daß es mit dem Online-Reisemarkt, dem einmal die rosigste Zukunft versprochen worden war, nun endgültig abwärts geht - ganz im Gegenteil. Das Internet als Vertriebskanal für touristische Produkte ist zwar noch längst keine Goldgrube, in den meisten Fällen sogar nach wie vor ein Zuschußgeschäft, aber trotzdem munterer denn je. Und das ist zu einem beträchtlichem Teil das Verdienst der frechen Revolutionäre, die auch sonst die Welt des organisierten Reisens mit jakobinischem Eifer erschüttern: der Billigfluggesellschaften.

          Billigflieger zwingen ihre Kunden ins Internet

          Seit das Fliegen zum Discount-Tarif mit Ryanair, Easy Jet, Air Berlin oder Hapag-Lloyd Express immer populärer wird, macht auch die Internet-Sozialisation der Urlauber rasante Fortschritte. Da die meisten Billigflüge nur online zu buchen sind - achtzig Prozent der Tickets werden am Computer gekauft, bei Pauschalreisen waren es im vergangenen Jahr gerade einmal zwei Prozent -, bleibt den Rabattjägern gar nichts anderes übrig, als sich mit dem Netz vertraut zu machen.

          Tatsächlich trauen sich jetzt Hunderttausende Menschen, heikle persönliche Daten wie die Kreditkartennummer preiszugeben, dafür nur einen Code aus Buchstaben und Zahlen als Ticketersatz zu bekommen und mit nichts als einem Blättchen Papier aus dem eigenen Drucker zum Flughafen zu fahren. Und siehe da, es funktioniert. Das Konto wird nicht geplündert, das Bodenpersonal kann mit dem Code etwas anfangen, das Fliegen geht auch ohne Flugschein. So baut man Hemmschwellen ab.

          Auch Reiseführer als E-Books

          Der Boom der Billigflieger ist vielleicht das sichtbarste Indiz für die wachsende Bedeutung des Internets, aber bei weitem nicht das einzige. Selbst in abgelegenen Alpentälern gehört es für Hoteliers längst zur Routine, Tag für Tag ein paar Stunden am Computer zu sitzen, weil sie das Gros ihrer Buchungen online abwickeln. Und die Reisenden nutzen genauso selbstverständlich das Internet für ihre Urlaubsvorbereitung. Nach einer Allensbach-Umfrage informieren sich die fünfunddreißig Millionen deutschen User über kein anderes Produkt so oft im Netz wie über Reisen; mit weitem Abstand folgen Bücher, Autos und Computer. Inzwischen kann man sogar Reiseführer als E-Books für wenig Geld herunterladen oder im DIN-A5-Format für die Tasche ausdrucken. Die "edition schwarzaufweiss" gibt es für 1,95 Euro, den "expressoguide" sogar für nur 99 Cents.

          Die Deutschen werden mit dem Internet nicht nur immer vertrauter, sondern auch immer mutiger. Darauf stellen sich jetzt endlich die virtuellen Reisebüros ein und ermöglichen es ihren Kunden, Arrangements selbst zusammenzustellen. "Dynamic Packaging" heißt das im Branchenjargon. Nicht nur Schwergewichte wie das in dreizehn europäischen Ländern aktive Portal lastminute.com haben mit diesem neuen Buchungsmodul Erfolg - was nicht verwundert, denn auch hier ist der Lohn der Mühe das Sparen von Geld dank des selbstgemachten Schnäppchens.

          Im Trend: Kombination verschiedener Leistungen

          L'tur, der führende Anbieter von Last-minute-Reisen, schnürt schon seit einiger Zeit unter dem Namen "flyloco" Pakete aus Flug und Hotel, ebenso machen es neuerdings Hotelketten wie Arabella Sheraton. Auch Travel Overland, einer der Ahnherren im Geschäft mit Discountflügen, der inzwischen die Hälfte seines Umsatzes online erwirtschaftet, sieht die Zukunft der virtuellen Reisebüros in der Kombination verschiedener Leistungen. Die Portale müßten jederzeit die gewünschten Bausteine für Individualreisende parat haben, um dadurch - wenn schon nicht zum Veranstalter - so zumindest zum "Tour Provider" zu werden. Selbst die nicht gerade für ihre Leichtfüßigkeit berühmte Deutsche Bahn versucht mit ihrem Reiseportal start.de, das sie im vergangenen Jahr übernommen hat, auf diese Weise das große Rad zu drehen.

          Das sehen die Reisekonzerne nicht gern und reagieren ihrerseits auf die neue Affinität zum Internet - auch wenn niemand mehr in der Branche ernsthaft an den Untergang des stationären Vertriebs glaubt. Am weitesten geht der Marktführer, die TUI, die ihren Online-Umsatz in den vergangenen drei Jahren auf siebenhundertzwanzig Millionen Euro mehr als verzehnfacht hat und inzwischen fünfzig verschiedene Websites unterhält. Der Konzern hat einen reinen Internet-Veranstalter gegründet, der von Anfang nächsten Jahres an zu tagesaktuellen Preisen eigene Pauschalarrangements verkaufen soll - daß dies ausgerechnet unter dem altehrwürdigen Namen Touropa geschehen wird, jenes legendären Wegbereiters des deutschen Tourismuswunders, das der Reisepionier Carl Degener kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gründete, wirkt wie eine selbstironische Paradoxie.

          Doch das Internet hat nichts Paradoxes, nichts Mißverständliches mehr. Es ist - jenseits aller exorbitanten Erwartungen, aber auch ohne die vorhergesagten Erschütterungen - Normalität geworden, ein selbstverständlicher Teil im Kosmos des Reisens.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

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