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Perspektiven der Stadt (8): Frankfurt : Zwischen den Bankentürmen die Welle reiten

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Schnurstracks ins Frankfurter Westend: Keiner kennt die schnellsten Wege einer Stadt so gut wie die Fahrradkuriere Bild: Julia Zimmermann

Eine Stadt radelnd zu entdecken ist schön. Doch wie nehmen professionelle Radfahrer eine Stadt wahr? Unterwegs in Frankfurt mit einem Fahrradkurier.

          Als ich ihn anrufe, ist er gerade im Stadtteil Gallus unterwegs. Seine Stimme klingt anders als noch am Abend zuvor - zupackender: Ob ich in fünf Minuten am Hauptbahnhof sein kann, fragt er. Ich bin mir nicht sicher: "In zehn Minuten?" In zehn Minuten aber hat er den Bahnhof schon wieder hinter sich gelassen, ist längst auf dem Weg ins Westend, vom Westend geht es dann weiter nach Bockenheim und von dort macht er noch einen Schlenker nach Hausen. In zwanzig Minuten am Hauptbahnhof also. Da warte ich dann auf ihn. Eigentlich ist es nicht der ideale Tag, um ausdauernd in die Pedale zu treten. Eigentlich würde man das Rad am liebsten nur dazu benutzen, um in den letzten Strahlen des Spätsommers einen Ausflug zu machen. Marcus aber erscheint der Tag als geradezu perfekt. Fast schon wie ein Ferientag, sagt er. Da fühle man sich, als würde man gar nicht arbeiten, sondern sei nur aus purer Lebensfreude kreuz und quer in der Stadt unterwegs. Als wir langsam Fahrt aufnehmen, beginne ich zu verstehen, was er meint.

          Wir radeln mit Schwung über den Holbeinsteg nach Sachsenhausen hinüber, während der Wind die Wangen streichelt, derweil sich unter uns glitzernd der Main räkelt. In Sachenhausen suchen wir die Textorstraße. "Links oder rechts?", fragt Marcus und muss noch einmal nachsehen. Auch wer seit zehn Jahren als Fahrradkurier arbeitet, hat längst nicht alle Straßen im Kopf. Dafür hat er einen Stadtplan dabei, den er in einer Sekunde aus seiner Tasche gezogen und in der nächsten aufgeschlagen hat, in der übernächsten sitzt er schon wieder auf dem Rad. Links also. Wir holen ein Päckchen ab fürs Städelmuseum. Es ist kleiner als erwartet. Es sieht geradezu enttäuschend klein und unauffällig aus. Es ist nicht viel größer als eine Hand. Was wohl darin ist? Immer wüssten alle gerne, was darin ist, sagt Marcus und lacht. Im Wesentlichen arbeite er ja für Banken, da sei bestimmt nur hin und wieder etwas Spannendes darin, Anwaltskanzleien senden Schriftstücke untereinander hin und her. Die drittwichtigste Kundengruppe sind Zahnärzte, die an Zahntechniker liefern lassen. Bei Sendungen an Zahntechniker sei gewöhnlich die größte Eile geboten. Ein Frankfurter Fahrradkurier, der um die Ecke fegt, Passanten streift und dabei alle Vorfahrtsregeln missachtet, hat also vermutlich gar nicht die alles entscheidende Akte fürs Frankfurter Amtsgericht im Gepäck oder einen Millionenvertrag, dem noch eine letzte Unterschrift fehlt. Vermutlich muss er nur eilig zu einem Zahntechniker, damit auf dem Weg nicht etwas aushärtet, das nicht aushärten soll.

          Turnbeutel für das arme Kind 

          Während wir über Funk angewiesen werden, noch einige weitere Ladungen aufzunehmen, darunter auch eine, die schnell in den Opernturm gebracht werden muss, erzählt Marcus, dass es natürlich gelegentlich auch Sendungen von privat gebe. Da musste er zum Beispiel vor ein paar Wochen in aller Hektik eine Brille abholen bei einer hübschen jungen Dame, die so gar nicht aussah wie die Ehefrau. Und auch Mobiltelefone wurden schon vergessen an plüschigen Orten, von denen der Ehepartner sicher nichts wusste. Kürzlich hat er einem kleinen Jungen seinen Turnbeutel in den Kindergarten gebracht. Den hatte die Mutter, die in einem Frankfurter Glitzerwolkenkratzer arbeitet, im Auto vergessen und war dann so beschämt und gleichzeitig unabkömmlich, dass ihr die Turnbeutelsendung per Fahrradkurier als letzte Rettung erschien.

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