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Perspektiven der Stadt (7): Bergisch Gladbach : Die ganze Wahrheit kennt nur der Wurstseppel

Eine irrwitzige Situation und ein deutscher Skandal

Der „Löwe“ gehört nicht zu den Stammlokalen der beiden Köche, die trotzdem der Meinung sind, dass es sich in Bergisch Gladbach gut leben lässt. Die Stadt sei zwar keine rasende Schönheit, doch man arbeite sehr viel, da sei es nicht so schlimm, man bekomme ja wenig davon mit - keine Liebeserklärungen, kein Lokalpatriotismus, stattdessen höfliche Komplimente, freundliche Distanz und ganz leise der Vorwurf, dass Bergisch Gladbach viel zu wenig mit seinem wertvollsten Pfund wuchere. Seltsam vage bleibt die Stadt, als sei sie gar nicht da, als gebe es zwei Wirklichkeiten. Nein, zur Heimat sei sie ihm in den vergangenen elf Jahren nicht geworden, sagt Joachim Wissler, obwohl sein zwölfjähriger Sohn Rheinländisch spreche und nicht mehr den Dialekt der Schwäbischen Alb, seiner ewigen Muttererde. Das Herz gehe ihm nur oben im Norden auf, sagt Nils Henkel, in Kiel und an der Ostseeküste, da komme er her, da fühle er sich zu Hause, und dort regne es auch nicht so oft wie hier. Immerhin sorgt das Bergische Land hin und wieder für kulinarische Inspiration. So mündeten Wisslers Frühsporttouren durch den Bergischen Tann in dem Dessert „Waldspaziergang“, das die Düfte des Morgentaus mit einer Grütze aus Fichtensprossen, Waldkräutern, Wilderdbeeren und einem Zitronenjogurt-Sorbet einfängt. Und Henkel geht an freien Tagen manchmal mit seiner Küchenbrigade auf Betriebsausflug in den Wald, um Holunderbeeren für seine Gerichte zu sammeln.

Zum Abschied stehen wir mit den beiden Köchen ganz ungezwungen im Schlosshof und begreifen den Irrwitz dieser Situation erst viel später: Hier stehen zwei der drei, vier besten Köche Deutschlands herum, sozusagen der George Clooney und der Brad Pitt von Germaniens Spitzenküche, weitgehend unbehelligt vom Publikum selbst dieses Feinschmeckerfamilientreffens, weniger beachtet, als es jeder picklige Vorabendfernsehseriendarsteller oder fettleibige Gourmetlaienakteur mit Fußballvergangenheit üblicherweise wird. Wir haben also Zeit, in aller Ruhe und direkter Flucht auf die Türme des Kölner Doms zu blicken und über die Moral dieser Geschichte nachzudenken. Warum sind diese beiden Türme da hinten der Inbegriff Kölns, die beiden Restaurants aber nicht die Wahrzeichen von Bergisch Gladbach? Warum werden hier keine Schilder am Ortseingang aufgestellt, die den Ruhm der sechs Sterne preisen? Warum sind deutsche Städte auf solchen Schildern immer nur stolz auf tote Reformatoren, mittelalterliche Mystikerinnen oder Saisongemüse? Warum sind unsere besten Köche Könige ohne Land, die sich in ihren Schlösschen verkriechen und dort den Kandelaber anzünden, anstatt Leuchttürme der kulinarischen Kultur zu sein? Warum geben sie keine Autogramme, sorgen selten für Ohnmachtsanfälle, verursachen nie Massenpaniken und überlassen das Feld stattdessen kampflos der Volksvulgärfoltergouvernante Heidi Klum?

Viel zu scheu für einen Superstar

Aber vielleicht ist es ja auch am besten so und könnte gar nicht anders sein. „Hin und wieder werde ich in Bergisch Gladbach erkannt, das ist dann immer ein bisschen befremdlich für mich“, sagt Nils Henkel mit scheuem Lächeln, viel zu scheu für einen Superstar.

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