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Perspektiven der Stadt (7): Bergisch Gladbach : Die ganze Wahrheit kennt nur der Wurstseppel

Jetzt hilft nur noch eines: Man muss sich glücklich essen, am besten gleich in der Confiserie zu Füßen des Schlosses, in der Schokoladenkreationen mit den Geschmacksrichtungen Feige-Balsamico, Wasabi und Kokos-Curry eigenhändig hergestellt werden und der Schlossherr Wissler höchstpersönlich seinen Kuchen kauft, wie die Verkäuferin mit verschämtem Stolz preisgibt. Oder in der Metzgerei nebenan, Familienbetrieb seit hundertfünfundzwanzig Jahren, der Urgroßvater des heutigen Besitzers war noch auf Wanderschaft in Thüringen, um Industriespionage zu betreiben. Sein Urenkel profitiert immer noch davon, macht wunderbare Bärlauchsalami und Majoranbratwurst und ist stolz wie Bolle darauf, dass bei Nils Henkel in Schloss Lerbach ausschließlich seine Wurst das Frühstücksbüffet bestückt. Ob der Herr Fleischhauer schon einmal in den Drei-Sterne-Häusern essen war? „Ja, natürlich, ich bitte Sie, in beiden, oh ja“, sagt er mit bebender Stimme und glänzenden Augen, die leuchten wie Scheinwerfer auf Fernlicht. Spätestens jetzt wird uns klar: Bergisch Gladbach ist eine gesegnete Stadt. Und spätestens jetzt wird unser Hunger zum Sehnsuchtsschrei: Es ist höchste Zeit, dass uns jemand diesen Segen spendet!

Rehhaxe vom Drei-Sterne-Imbissstand

Da trifft es sich ganz gut, dass einmal im Jahr - und zwar gerade jetzt - in Schloss Bensberg eine Art Althoff-Familienfeier stattfindet, bei der Joachim Wissler und Nils Henkel gemeinsam mit anderthalb Dutzend Spitzenköchen und ein paar hundert Gourmets ein Sinnesfreudenfest feiern. Wir sind demütig dabei, schreiten mit zitternden Knien durch das Tor wie Alice ins Wunderland und treten in dem spätbarocken Flügelbau ein wie in eine andere Welt, in der das ganze große Glück auf einen kleinen Teller passt - genauso, wie es auch in Nils Henkels Schloss Lerbach geschieht, der ehemaligen Privatresidenz des Papier-Moguls Zanders: Sie liegt versteckt in einem verwunschenen Park, den man mit einem „Sesam öffne dich“ auf den Lippen betritt und sich dann fühlt, als sei man von einer guten Fee aus Bergisch Gladbachs Betonbrutalismus einfach weggezaubert worden.

Müssen wir jetzt enttäuscht, oder können wir hingegen beruhigt sein? Denn die Küchengötter sind auch nur Menschen. Sie stehen mit ihren Brigaden an mobilen Kochstationen mitten im Getriebe, richten die Teller wie Akkordarbeiter an und überreichen sie uns ohne jede Huld - zwei gutgelaunte, gänzlich unprätentiöse, mit sich und der Welt offenkundig vollkommen zufriedene Männer in den Vierzigern, Marathonläufer der eine, Radrennfahrer der andere, lebende Beweise alle beide dafür, dass gutes Essen nicht dick, sondern bestenfalls glücklich macht. Bei Maître Wissler gibt es eine zabaionezarte Rehhaxenminiatur, confiert in Wacholderbutter und garniert mit Sesamcreme, Granatapfelsalat und Peccannüsse, wahlweise einen schneeflockenweichen Felchen in Sauce Verjus du Périgord, dargeboten mit Pfifferlingen und Orchideenblüten - Herr im Himmel, das ist Haute Cuisine vom Drei-Sterne-Imbissstand, Chapeau, Bravo, Maître Wisslerseppel! Kollege Henkel hat einen mild geräucherten, zärtlich pochierten Polarsaibling mit Holunderkapern-Vinaigrette, Kressecreme und Saiblingskaviar im Angebot und für Freunde dunkel lockender, wagnerianisch grollender Aromen eine wahnsinnig intensive Taubenbrust im Lorbeersud mit karamellisierten Zwiebeln und schwarzem Knoblauch - eine Gaumen-Götterdämmerung als Massenverköstigung, da kommt selbst der Grieche vom „Bergischen Löwen“ nicht mehr mit.

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