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Perspektiven der Stadt (7): Bergisch Gladbach : Die ganze Wahrheit kennt nur der Wurstseppel

Da ist aber die rheinisch resolute, tadellos frisierte Dame vom blitzblanken, kein bisschen nach ranzigem Fett riechenden Grillimbiss "Wurstseppel" schräg gegenüber ganz anderer Meinung. Sie hat zwar nichts Besonderes im Angebot, nur die üblichen Verdächtigen im Schweinedarm, weiß aber über die Welt der Hochgastronomie präzise Bescheid: "Junger Mann, hörense jetzt mal zu: Wir sind stolz darauf, dass wir in Bergisch Gladbach die besten Restaurants Deutschlands haben. Den Dieter Müller von Schloss Lerbach, drei Sterne, Sie wissen schon, den kennt hier jeder, außer vielleicht die, die unter der Brücke schlafen. Aber der hat kein Restaurant mehr, das macht jetzt sein Schüler, wie heißt der doch gleich?" Sie nickt mit dem Kopf zu einem Mann hinüber, der am Stehtisch auf seiner Wurstseppelwurst herumkaut und zurückmurmelt: "Mis Mengel." "Genau", sagt die Wurstfrau, "Nils Henkel, der ist aber noch nicht so bekannt wie der Dieter Müller, der war sogar schon im Fernsehen, der Müller mein' ich. Aber international, ich sag' mal, so weltweit, ist vielleicht doch die Heidi Klum noch bekannter."

An berühmten Persönlichkeiten und global beachteten Attraktionen mangelt es Bergisch Gladbach wahrlich nicht. Die sehr netten und sympathisch selbstkritischen Repräsentanten aus dem Rathaus nennen als Dreigestirn der örtlichen Prominenz Dieter Müller, Heidi Klum und "das Mediterana, das heißt Mittelmeer, spanische Schreibweise, das ist ein Wellness-Palast im maurisch-andalusischen Stil, teilweise von original südspanischen Bauarbeitern gebaut". Eine Sensation. Daneben seien noch der deutsche Instant-Cappuccino-König Willibert Krüger und der progressive Bestattungsunternehmer Fritz Roth erwähnenswert, "eine Koryphäe" auf seinem Feld, "der hat ständig neue Bestattungsideen". Und natürlich dürfe man die beiden Spitzenköche Henkel und Wissler nicht vergessen, mit denen die Stadt aber noch viel zu wenig werbe, das müsse sich ändern, da habe man schon Defizite. Weltgourmetmetropole Bergisch Gladbach, Sechs-Sterne-Stadt Bergisch Gladbach, Feinschmeckermekka Bergisch Gladbach - das klingt doch fabelhaft. Wir bekommen jetzt aber wirklich Hunger und Sehnsucht nach den Sternen.

Scheiterhaufen für Schandtaten

Im Stadtteil Bensberg kommen wir der Sache endlich näher. Unser Herz fängt an zu hüpfen, als wir uns dem Hügel nähern, auf dem Schloss Bensberg thront, die Residenz von Wisslers Restaurant. Doch man sieht es kaum, weil ihm keine aristokratische Bannmeile Schutz gewährt, sondern die Stadt dem Schloss mit lauter Siebziger-Jahre-Scheußlichkeiten auf die Pelle rückt, terrassierter Beton in seiner schaurigsten Form, das Grauen in Grau. Wer sich heute so zu bauen traute, würde gerädert und gevierteilt. Und wer es wagte, die letzten hübschen Reste von Bensberg niederzureißen, eine Handvoll Gassen mit typisch bergischer Architektur, Fachwerk, Schiefer, grüne Fensterläden, würde auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Früher sah fast ganz Bensberg so aus. Dann kam der Fortschritt. Die Vorstellung treibt einen fast in die Verzweiflung.

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