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Perspektiven der Stadt (5): Berlin : Entschuldigen Sie bitte, haben Sie zufällig die Mauer gesehen?

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Russisch Brot und Wostok-Kräuterlimonade

Der ehemalige amerikanische Präsident Ronald Reagan hätte sich das so bestimmt nicht träumen lassen. Vor dem Brandenburger Tor forderte er 1987: "Mr. Gorbatschow, tear down this wall!" Nun ist sie tatsächlich weg, es wurde ganze Arbeit geleistet. Die meisten Menschen wollten das so. Doch was kommt nun?

Was kommt, sind die Touristen. Nach Paris und London ist Berlin die am häufigsten besuchte Stadt Europas. Vor allem ihre einzigartige Geschichte zieht Menschen aus aller Welt an. Sie zwängen sich über den von Autos verstellten Kurfürstendamm vorbei an der von Gerüsten verstellten Gedächtniskirche in den von Baustellen verstellten Tauentzien. Sie sonnen sich vor dem Reichstag. Sie trinken Latte Macchiato im Monbijoupark, klettern an den Anlegestellen vor der Museumsinsel in Ausflugsschiffe. Sie fotografieren sich auf dem Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor. Sie fotografieren sich in den Gängen des Holocaust-Mahnmals. Sie fotografieren sich auf dem Potsdamer Platz vor den Mauerbildtafeln. Mit Begeisterung fotografieren sie auch unsere Trabi-Kolonne, als sie in bläulichen Qualm gehüllt an ihnen vorbeiknattert. Deren Insassen futtern derweil Russischbrot und trinken Wostok-Kräuterlimonade. Sie lachen über die Anekdote von Baywatch-Schauspieler David Hasselhoff, der in Berlin singend seinen Anteil am Fall der Mauer reklamierte. Sie loben den Veranstalter, der es schafft, die Trabis heil durch den Verkehr zu lotsen.

Das Grauen der Geschichte ist heute cool

Dass die vollkonzentrierten Chauffeure kaum etwas von den Erklärungen René Carls mitbekommen, macht ihnen nichts aus. Dafür bringen sie beim Ampelstart unter dem Johlen aller das Mäusekino zum Glühen. Im Fond bleibt die Heckscheibe nur durch den ständigen Einsatz des Schwamms durchsichtig. Trabi-Fahren ist kommunikativ und nie langweilig. Das ist es, was zählt. Alle amüsieren sich köstlich über die arrangierte Polizeikontrolle, in der ein sehr realistisch ausstaffierter Vopo unsere Trabanten schikaniert - fast wie damals, denkt sich der Berliner. Die ausländischen Gäste finden diese Stadtrundfahrt cool. Ja, cool ist das Wort, das fast alle gebrauchen. Das Grauen der Geschichte ist vergessen, für all jene, die damals nicht miterlebt haben, ist es nicht mehr vorstellbar.

Berlin im Jahr 2011 ist für die meisten Menschen einfach nur eine spannende Stadt, Ziel eines ganz normalen Urlaubs. Was aber wäre, wenn man beim Mauerabriss weniger radikal gewesen wäre? Dann wäre Berlin eine Stadt, aus der man mit Eindrücken nach Hause zurückkehrt, die der Kopf nicht so einfach unter all den anderen Urlaubsreisen ablegen kann. Denn die Besucher hätten die Teilung gesehen. Sie hätten verstanden, wohin politischer Machtkampf führen kann. Zum Schluss bekommt jeder Trabi-Tourist ein Mauerstück unter Plexiglas als Souvenir. "The Wall" steht drauf, "13.08.1961 - 9.11.1989". Das ist lange her. Wahrscheinlich wurden die Souvenirs in China produziert.

Informationen: Trabi-Safari bietet den Wall Ride als geführte Tour für Selbstfahrer an. Die zweistündige Fahrt zu wichtigen Punkten der Berliner Mauergeschichte kostet pro Person 79 Euro. Gruppenpreise auf Anfrage. Auskunft und Buchung im Internet unter www.thewallride.com. Die Ausstellung „Aus anderer Sicht. Die frühe Berliner Mauer“ ist noch bis zum 3. Oktober Unter den Linden 40 zu sehen, Internet: www.aus-anderer-sicht.de

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