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Österreich : Wer verzichtet, wird belohnt

  • -Aktualisiert am

Werfenweng: „Teil einer langfristigen Strategie” Bild: Tourismus Werfenweng

Ohne Auto in den Schnee? Das geht: Werfenweng im Salzburger Land übt sich in sanfter Mobilität.

          6 Min.

          Es ist nicht nur ein Privileg von Politikern und Werbeagenturen, dünne Inhalte mit hochtrabenden Formulierungen zu dekorieren. Seitdem immer mehr Menschen sich davon überzeugen lassen, ihren Urlaub mit handlungsarmen Programmen zu füllen, lernen auch die Tourismusfachleute, wie man minimalistische Inhalte mit esoterischen Wolken umhüllt. Da lädt ein bekanntes Wellnesshotel zum Genußfaulenzen ein und zum Zelebrieren statt Absolvieren. Ein bekannt kreativer Gastgeber in Ischgl lobt seinen Zen-Garten als geborgte Landschaft, in der man flirrende Gedanken zähmen kann. An jeder Ecke wird man zum Entschleunigen oder Downsizen eingeladen. Früher hieß das schlicht Nichtstun und war vermutlich auch deutlich billiger.

          Wer mit dem Gedanken spielt, in dem kleinen Bergdorf Werfenweng im Salzburger Land zu logieren, stößt auf ein ähnlich lautendes Angebot, sich den Vorzügen der Enthastung zu widmen. Das hat indes nichts mit exaltierten Wellness-Programmen zu tun, sondern mit einer vergleichsweise leicht verständlichen Offerte: In Werfenweng hat man sich der sanften Mobilität verschrieben. Das Dorf mit seinen achthundert Einwohnern versteckt sich in einem Kessel auf neunhundert Meter Höhe mitten im Tennengebirge eine halbe Autostunde südlich von Salzburg oberhalb der Tauernautobahn. Eingebettet in flache Bergwiesen, eingerahmt von steilen Bergflanken, unterscheidet sich Werfenweng auf den ersten Blick kaum von den vielen anderen Urlaubsorten im Salzburger Land. Über dem Dorfzentrum thront die verschneite, spitztürmige Dorfkirche, rund um Rathaus und Schule stehen verstreut Hotels, Pensionen und Privathäuser, dazwischen einige Bauernhöfe. Man hat viel Platz, deshalb verteilen sich die Häuser in luftigem Abstand zueinander und stehen nicht wie in vielen anderen Bergdörfern eng aneinandergedrückt.

          Kostenlose Spaßmobile

          Das Geschäft mit dem Gast prägt das Ortsbild auf erkennbare, aber unaufdringliche Weise. Der Verkehr hält sich hier am Talschluß naturgemäß in Grenzen, dennoch gehören Autos zum Straßenbild - zunächst findet sich kein Indiz auf die versprochene sanfte Mobilität. Doch das ändert sich rasch. Zuerst ist es ein leises Summen, das dann stetig lauter und bald von einem dezenten Fahrgeräusch begleitet wird. Ein merkwürdiges knallgelbes Gefährt biegt um die Ecke, eine Art Schüssel auf Rädern mit einem steilen Lenker, der fest in Händen des Fahrers ist, der wiederum aufrecht wie auf einem römischen Streitwagen steht. Die dreirädrige Biga gehört zur mobilen Öko-Streitmacht von Werfenweng, zur Flotte im Dienste der sanften Mobilität. Sie umfaßt vierzig Elektrofahrzeuge von den dreirädrigen Bigas über sportliche, vierrädrige Scooter und einsitzige Elektroräder bis zu einem dreisitzigen, eierförmigen Vehikel, mit denen die Gäste im Dorf und im Talkessel unterwegs sind.

          Bild: F.A.Z.

          Die Elektroflitzer sind Teil eines Angebotpakets namens Samo, ein Begriff, der nichts mit fernöstlichen Kampfsportarten zu tun hat, sondern schlicht für sanfte Mobilität steht. Samo bietet seinen Nutzern je nach Saison ein Bündel von Leistungen: von den kostenlosen Spaßmobilen über Shuttledienste bis zu Fahrten mit dem Ortstaxi Elois oder dem Nachtmobil, das an Wochenenden im Einsatz ist. Diese Fahrten sind ebenso gratis wie der Shuttleservice nach Bischofshofen, dem nächsten größeren Ort, oder wie eine individuelle Fahrt mit einem Hybridauto, das vom Tourismusverband zur Verfügung gestellt wird. Dazu gibt es noch Ermäßigungen für Ausflugsfahrten nach Salzburg, Hallein, im Sommer auch zum Großglockner oder in die Eisriesenwelt. Neben dem Transport gewährt Samo überdies Vergünstigungen bei Freizeitaktivitäten. Während der Wintersaison hat man die Möglichkeit, Schlitten, Schneeschuhe und Langlaufausrüstungen gratis auszuleihen, auf Leihski bekommt man einen Nachlaß. Dazu kann man eine kostenlose Lamatrekkingtour machen oder bei freiem Eintritt Schlittschuh laufen.

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