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Österreich : Hoch und heilig gestrandet wie ein Held

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Eine feste Burg ist unser Gott: der Mariä-Empfängnis-Dom in Linz. Bild: Archiv

Zwischen Wien und Salzburg ist die Luft dünn. Denn die beiden Städte ziehen das meiste öffentliche Interesse auf sich. Verständlich also, dass man sich in Linz, etwa auf halbem Weg zwischen diesen ehernen Tourismusbrennpunkten gelegen, stets narzisstisch gekränkt fühlte.

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          Zwischen Wien und Salzburg ist die Luft dünn. Denn die beiden Städte ziehen in Österreich wegen ihrer historisch bedeutsamen Vergangenheit wie wegen ihrer lukrativen Gegenwart das meiste öffentliche Interesse auf sich. Verständlich also, dass man sich in Linz, etwa auf halbem Weg zwischen diesen ehernen Tourismusbrennpunkten gelegen, stets narzisstisch gekränkt fühlte und aus einem lokalen Minderwertigkeitskomplex heraus ein grenzenloses Repräsentationsbedürfnis kultivierte. So wurde in dieser Stadt, die der Kabarettist Helmut Qualtinger einst garstig mit "Provinz" gereimt hat, zum Beispiel 1862 der Grundstein für einen neuen Dom gelegt. Niemand, wirklich niemand sollte ihn übersehen können. Man mauerte und mauerte, und nach zweiundsechzig Jahren geriet der Stolz der Bürger fast höher als der Stephansdom in der Bundeshauptstadt. Das wurde natürlich sofort verboten, der Linzer Domturm musste um zwei Meter niedriger als der in Wien mit seinen 136,80 Metern ausfallen. Auch sonst hatte das neogotisch elegante Sandsteingebäude bei der Realisierung seiner ästhetischen wie ideologischen Ansprüche nicht nur Glück. Als zu späten Ehren des für den Dombau verantwortlichen Bischofs Rudigier 1968 eine prachtvolle Orgel installiert wurde, sprengte sie alle Dimensionen. Und so kam es, dass die neue Rudigierorgel die grandiose Rosette verdeckte, durch die der Innenraum ursprünglich in magisch buntes Licht getaucht worden war. Dank zahlreicher anderer farbiger Glasfenster ist immer noch zu ahnen, wie sie sich, zumal am späteren Nachmittag, durch die Sonne entflammte und ihr warmes Licht in das riesige Gebäude streute, in dem immerhin fünfzehntausend Besucher ohne Gedränge Platz finden.

          Rings um den Dom hielten sich noch vor gar nicht langer Zeit in einem schäbigen kleinen Park gern Sandler auf, wie die Einheimischen Penner, Obdachlose und Bettler nennen, und nahmen das Kirchenareal zwar mit Wein und Brot, jedoch auf eher profane Weise in Besitz. Als Linz indes zur Kulturhauptstadt Europas 2009 gekürt wurde, erfüllte sich selbst hier, was in der einstigen Stahlstadt momentan wohl als oberstes Gebot gilt: Jede frei werdende Fläche wird zubetoniert, ungebundenes Verweilen zwischen Baum und Borke scheint unerwünscht. Ein Hotel und ein Restaurant grenzen nun in gebührendem Abstand das Domgelände gegen die Straße ab, das im Wesentlichen sang- und klanglos grau in grau versiegelt wurde. Dadurch wird einerseits die architektonische Dimension des Gotteshauses betont, das sich quasi vom Nullpunkt der Umgebung abhebt, andererseits die Distanz zwischen dem Monument des Glaubens und dem Alltag der Gläubigen betont. Freilich wurde der Mariä-Empfängnis-Dom, so der korrekte Name, durch großzügige Spenden der katholischen Religionsgemeinschaft mitfinanziert.

          Eine Kirche wie ein U-Boot

          Die Kulturhauptstadt brachte den Mariendom allerdings auch auf sehr charmante Weise nachdrücklich wieder ins Bewusstsein der an kirchlichen Dingen wie vielerorts zunehmend desinteressierten Bevölkerung. Zum einen wurde das Turmzimmer temporären Eremiten zur Verfügung gestellt, die sich jeweils eine Woche im Himmel über Linz ohne Telefon und Computer auf sich selbst besinnen können. Zum anderen wurde ein Ruhepol auf der ansonsten nicht zugänglichen Ebene zwischen Orgel und Rosettenfenster eingerichtet. Inmitten des innerstädtischen Trubels erlaubt diese Rückzugsinsel mit bequemen Sitzmöbeln und einem Blick in zwanzig Meter Höhe, für die Rainer Jessl eine nobel-diskrete Lichtinstallation entwickelt hat, den Genuss von Stille und Kontemplation. Und wenn dann noch die Orgel oder die Glocken erklingen, möchte man nicht mehr ausschließen, dass die Schwerkraft verschwindet und das Gotteshaus sich trotz seiner insgesamt 5170 verbauten Quadratmeter ganz einfach vom Boden löst.

          Von draußen betrachtet, wirkt die riesige Kirche wie ein U-Boot inmitten der steinernen Stadtlandschaft ringsherum, das ein breites Angebot für viele Lebenslagen anbietet: für die Gläubigen auf den Holzbänken, für die Hungrigen im Lokal, für die Müden im Hotel und für die nervlich Strapazierten im Ruhepol. So dünn die Linzer Luft recht eigentlich sein mag - in und um den Mariendom ist davon nichts zu spüren. Gestrandet, aber wie ein Held, weist er trotz aller Unbill und Tücken der Topographie den Weg per aspera ad astra. Sollen sich andere mit Mozartkugeln schmücken und in Walzerträumen wiegen, hier zeigt die Provinz in schönster Unbescheidenheit, was sie kann und wie prächtig das anzuschauen ist.

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