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Nordfriesland : In Noldes Garten

  • -Aktualisiert am

Der Garten der Emil-Nolde-Stiftung im schleswig-holsteinischen Seebüll Bild: Jesco Denzel

Im Jahr 1927 zogen Emil Nolde und seine Frau Ada nach Seebüll. Aus den Wiesen rings um ihr Wohnhaus wurde ein Garten, in dem der Maler später oft aquarellierte. Ein großer Teil der Bepflanzung zeigt sich noch heute wie zu Noldes Lebzeiten.

          Wart ihr immer noch nicht da, hatte der Hamburger Freund gefragt, und zwar ungeduldig. Ehrlich gesagt, irgendetwas hielt uns ab. Ein Künstlergarten - klingt das nicht furchtbar angestrengt? Jedes Blättchen eine Botschaft, jedes Beet raunt vom Meister, und jede Staude hüstelt: Ich bin bedeutend. Und außerdem: Nolde . . . Da dachten wir gleich an die alte Kunstlehrerin mit dem Knoten, die verzückt Dias von seinen düster-expressiven Werken zeigte und vom nordisch-mystischen Stil schwärmte.

          Aber dann saßen wir doch im Regionalexpress der Nord-Ostsee-Bahn, und hinter Hamburg ging es los mit den Knicks, den schwarzbunten Kühen und dem Himmel, der immer höher wurde, je flunderplatter das Land dalag. Menschen in Ferienstimmung stiegen ein, keiner trug mehr lange Hosen, und wenn der Zug hielt an geduckten Klinkerbahnhöfen, hörten wir die Lerchen schmettern, die das nirgendwo so laut können wie in Nordfriesland. Nicht grün, sondern krachgrün leuchtete die Marschenlandschaft ringsum. Saftig grün. Zum Reinbeißen grün. Zum Grün- und Blau-Freuen . . . Fast meinten wir, Sauerampfer auf der Zunge zu schmecken.

          Über Klanxbüll nach Seebüll

          Klanxbüll hieß unser Zielbahnhof, noch ein paar Kilometer weiter Richtung dänische Grenze, und wir waren da - in Seebüll. Öffneten das weiße Gatter, das uns quietschend begrüßte, und staunten. "Viele Besucher kommen nur wegen des Gartens", sagte Andreas Weber, was stolz und gleichzeitig bescheiden klang. Vor viereinhalb Jahren kam Weber hierher, nun ist er der Herr über ein Erdreich von 2500 Quadratmetern, das zur Stiftung Ada und Emil Nolde gehört.

          Und im Gewächshaus gibt's auch Samen zu kaufen

          Ein Garten eher als ein Park. Aber so bunt und vielfältig, dass das Blühen kaum zu bremsen schien: Rittersporn stand stramm, die Königskerzen ihm zur Seite, Fingerhut, mannshoch, daneben. Dazwischen kuschelten sich die Margariten, Kornblumen, Storchenschnabel, Tränende Herzen und Brennende Liebe. Der Mohn hatte sich bereits verabschiedet. Dafür plusterten sich ringsum duftende Plumeaus auf von über und über blühenden Apfelrosen. Eine Reethütte linkerhand, weißes Gestühl rechts vor der weinberankten Mauer, eine Vogeltränke, genau im Zentrum des Wegemusters aus "A" und "E". Ada und Emil. Andreas Weber weiß alles über diesen Garten, und während der Wind die hohen Pappeln durchwuschelte, erzählte er:

          Strauchgreise

          Als Emil und Ada Nolde 1926 hierherkamen, war das Land einfach bloß leer, eine Urlandschaft, rauh und vor allem im Winter düster und feucht. Auf die fünf Meter hohe Warft, noch heute die höchste Erhebung weit und breit, setzten die Noldes einen Klinkerbau im Stil der expressionistischen Avantgarde. Sich außerdem noch einen Garten hinzuträumen war eine reichlich kühne Idee. Berge von Erdreich mussten ausgetauscht, Hecken gepflanzt und Reetwände gesetzt werden. Die Anlage entwarf Nolde selbst. Dass er in den Wegen die Initialen A und E versteckt hatte, blieb viele Jahre sein Geheimnis.

          Wer den Spaten in diese dunkle Erde schiebt, stößt früher oder später auf Muschelschalen. Ein Zeichen dafür, dass das Land irgendwann dem Meer abgerungen worden ist. Gärtnerisch leider ganz heikel, der fette Kleiboden. Muss immer mit Sand gemischt werden, damit er etwas durchlässiger wird. Und dann ewig der Wind von Westen, der in Schach zu halten ist. Von Graupappeln und Eschen, die sich alle nach Osten hin verbeugen, verstärkt durch einen Kranz von dicht an dicht gesetzten Mirabellensträuchern. Es sind tatsächlich die von Nolde selbst noch angepflanzten Strauchgreise von mittlerweile glatt siebzig Jahren. Werden sie gekappt, schlagen sie am alten Holz neu wieder aus. Einmal, erzählte Andreas Weber, setzte ein Kohlenlieferant seinen Kleinlaster rückwärts in diese Sträucher - Nolde schäumte, und der Mann war seinen Lieferauftrag los.

          Im August sind die Mirabellen gelb. Überhaupt lässt sich naschen im Garten - Stachelbeeren, Johannisbeeren frisch vom Strauch, rot und weiß, und auch die beiden alten Apfelbäume geben noch gut was her. Später im Jahr werden Quitten, Birnen und Haselnüsse reif. Aber nicht ums Naschen, sondern um Farbe ging es in erster Linie - deshalb konnten Pflanzen den Maler begeistern. "Die Reinheit der Farben, ich liebte sie", schrieb er. Gegen Abend flanierte er durch sein Gartenreich, zupfte hier, kappte dort - und ließ es liegen. Das hatte dann Herr Börnsen zu beseitigen, der kundige Gärtner, der vierzig Jahre lang in Seebüll tätig war. Nachfolger Weber findet, dass Pflanzen auch im Verblühen wirken, und ist nicht so pingelig hinterher mit dem Scherchen - so gefiele es auch Nolde, sagt er. Immer noch hofft der Chef-Gärtner übrigens, dass die Familie des längst verstorbenen Herrn Börnsen ihm Fotomaterial überlässt. So ließe sich mehr erfahren über den früheren Zustand des Geländes. Zurzeit forscht er, ob es sich beim Rittersporn tatsächlich um "Gletscherwasser" und "Kirchenfenster" handelt - zwei alte Sorten des Potsdamer Stauden-Papstes Karl Foerster. In Seebüll wurde eben niemals einfach drauflosgesät und -gepflanzt.

          Blumenaquarelle, um wieder zum Öl zu finden

          Wie es sich für einen Enthusiasten gehört, studierte Nolde die Kataloge bekannter Samen- und Staudengärtnereien. Für ihn war der Garten Rückzug und Inspiration zugleich. Ada brachte die Sträuße der Saison ins Haus, und im Atelier saß Emil und malte. Immer wieder den Mohn, in Pink, Blassrosa und tiefem Rot. Den Rittersporn, ganz prominent in seinem Bild "Abendschwüle", unter einem tonnenschweren Himmel. Die Anemonen. Nach den Jahren des Malverbots (1941 bis 1945) begann er mit Blumenaquarellen, "um wieder zum Öl zu finden". Im Winter, wenn der Nordwest an Türen und Fenstern klapperte und es gar nicht mehr hell zu werden schien, verschlossen die beiden das Haus auf der Warft und zogen in die Stadt, nach Berlin.

          Ja, auf einmal war es Abend geworden, was wir daran merkten, dass die Sonne schon schräg hinter den Pappeln stand und die letzten Besucher das weiße Gatter hinter sich schlossen. Dass Seebüll, das abgelegene Museum mit dem Garten, Ziel von jährlich hunderttausend Menschen geworden ist - an den Kunsterzieherinnen liegt das wohl kaum. Eher ist es der Zauber dieser farbenfunkelnden Welt en miniature, die anzieht. Plötzlich standen wir allein im Garten (der deutlich länger als das Museum zugänglich ist - schon allein wegen der Gäste des Restaurants in dem spektakulären Neubau nebenan). Ungewöhnlich leer war es, weil alles Fußball guckte. Der Wind hatte sich gelegt, Amseln und Lerchen gaben den Sundowner-Song, und hinten auf der Wiese pfiff ein Kiebitz. Und während die Blüten der Stauden noch mal heftig Goldglanz nachlegten, ließen wir uns auf die Bank im Eck plumpsen und spielten Wolkenraten: Ein Kochtopf kam vorbeigesegelt. Ein Hund mit langen Ohren. Zuletzt Gesine Schwans Haartolle - alles driftete von Westen durch die milde Abendbrise heran, um irgendwo am Horizont zu verschwinden.

          Nolde-Saatgut

          Ach ja: Wer ein Stück Nolde-Garten mit nach Hause nehmen möchte, braucht nicht einmal zum Dieb zu werden. Im Gewächshaus hinter der Reethütte wird handverlesenes Nolde-Saatgut angeboten, auch junge Stauden, Mohn natürlich sowie einige der 87 im Garten vertretenen Dahliensorten. Der Renner ist die Dreimastenblume mit den tiefblauen Blüten, für Meeresliebhaber. Alles trägt das begehrte "Bioland-Siegel".

          Hätte sich der alte Nolde träumen lassen, was aus seinem kargen Friesenland geworden ist? Vielleicht würde er bloß kurz die gute Luft anhalten.

          Anreise Seebüll ist per Auto (über Niebüll und Süderlügum, dann ausgeschildert) zu erreichen. Mit der Deutschen Bahn oder der Nord-OstseeBahn fährt man bis Klanxbüll, von dort weiter per Taxi, ca. 14 Euro. Sylt-Touristen wird ein „Shuttle-Ticket“ angeboten: Bahnfahrt, Taxi plus Eintritt Seebüll kosten 20 Euro (Buchung unter Telefon 0 46 61/9 80 88 90).

          Nolde-Stiftung Seebüll Die Stiftung in Neukirchen besitzt 600 Gemälde sowie 4500 Grafiken und Zeichnungen von Emil Nolde, aus denen jährlich wechselnde Ausstellungen bestückt werden. Mehr unter Telefon 0 46 64/98 39 30 oder im Internet unter www.nolde-stiftung.de. Die Stiftung hat vom 1. März bis 30. November täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 8 Euro, Studenten und Schüler zahlen 3 Euro. Der Garten ist während der Öffnungszeiten frei zugänglich. Das „Restaurant Seebüll“ ist täglich geöffnet von 9 bis 23 Uhr (mehr unter Telefon 0 46 64/98 39 70). Das „Gästehaus Seebüll“ (dieselbe Telefonnummer) hat sieben Doppelzimmer und zwei Apartments, eine Übernachtung ist ab 65 Euro zu haben.

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