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Nordfriesland : In Noldes Garten

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Im August sind die Mirabellen gelb. Überhaupt lässt sich naschen im Garten - Stachelbeeren, Johannisbeeren frisch vom Strauch, rot und weiß, und auch die beiden alten Apfelbäume geben noch gut was her. Später im Jahr werden Quitten, Birnen und Haselnüsse reif. Aber nicht ums Naschen, sondern um Farbe ging es in erster Linie - deshalb konnten Pflanzen den Maler begeistern. "Die Reinheit der Farben, ich liebte sie", schrieb er. Gegen Abend flanierte er durch sein Gartenreich, zupfte hier, kappte dort - und ließ es liegen. Das hatte dann Herr Börnsen zu beseitigen, der kundige Gärtner, der vierzig Jahre lang in Seebüll tätig war. Nachfolger Weber findet, dass Pflanzen auch im Verblühen wirken, und ist nicht so pingelig hinterher mit dem Scherchen - so gefiele es auch Nolde, sagt er. Immer noch hofft der Chef-Gärtner übrigens, dass die Familie des längst verstorbenen Herrn Börnsen ihm Fotomaterial überlässt. So ließe sich mehr erfahren über den früheren Zustand des Geländes. Zurzeit forscht er, ob es sich beim Rittersporn tatsächlich um "Gletscherwasser" und "Kirchenfenster" handelt - zwei alte Sorten des Potsdamer Stauden-Papstes Karl Foerster. In Seebüll wurde eben niemals einfach drauflosgesät und -gepflanzt.

Blumenaquarelle, um wieder zum Öl zu finden

Wie es sich für einen Enthusiasten gehört, studierte Nolde die Kataloge bekannter Samen- und Staudengärtnereien. Für ihn war der Garten Rückzug und Inspiration zugleich. Ada brachte die Sträuße der Saison ins Haus, und im Atelier saß Emil und malte. Immer wieder den Mohn, in Pink, Blassrosa und tiefem Rot. Den Rittersporn, ganz prominent in seinem Bild "Abendschwüle", unter einem tonnenschweren Himmel. Die Anemonen. Nach den Jahren des Malverbots (1941 bis 1945) begann er mit Blumenaquarellen, "um wieder zum Öl zu finden". Im Winter, wenn der Nordwest an Türen und Fenstern klapperte und es gar nicht mehr hell zu werden schien, verschlossen die beiden das Haus auf der Warft und zogen in die Stadt, nach Berlin.

Ja, auf einmal war es Abend geworden, was wir daran merkten, dass die Sonne schon schräg hinter den Pappeln stand und die letzten Besucher das weiße Gatter hinter sich schlossen. Dass Seebüll, das abgelegene Museum mit dem Garten, Ziel von jährlich hunderttausend Menschen geworden ist - an den Kunsterzieherinnen liegt das wohl kaum. Eher ist es der Zauber dieser farbenfunkelnden Welt en miniature, die anzieht. Plötzlich standen wir allein im Garten (der deutlich länger als das Museum zugänglich ist - schon allein wegen der Gäste des Restaurants in dem spektakulären Neubau nebenan). Ungewöhnlich leer war es, weil alles Fußball guckte. Der Wind hatte sich gelegt, Amseln und Lerchen gaben den Sundowner-Song, und hinten auf der Wiese pfiff ein Kiebitz. Und während die Blüten der Stauden noch mal heftig Goldglanz nachlegten, ließen wir uns auf die Bank im Eck plumpsen und spielten Wolkenraten: Ein Kochtopf kam vorbeigesegelt. Ein Hund mit langen Ohren. Zuletzt Gesine Schwans Haartolle - alles driftete von Westen durch die milde Abendbrise heran, um irgendwo am Horizont zu verschwinden.

Nolde-Saatgut

Ach ja: Wer ein Stück Nolde-Garten mit nach Hause nehmen möchte, braucht nicht einmal zum Dieb zu werden. Im Gewächshaus hinter der Reethütte wird handverlesenes Nolde-Saatgut angeboten, auch junge Stauden, Mohn natürlich sowie einige der 87 im Garten vertretenen Dahliensorten. Der Renner ist die Dreimastenblume mit den tiefblauen Blüten, für Meeresliebhaber. Alles trägt das begehrte "Bioland-Siegel".

Hätte sich der alte Nolde träumen lassen, was aus seinem kargen Friesenland geworden ist? Vielleicht würde er bloß kurz die gute Luft anhalten.

Anreise Seebüll ist per Auto (über Niebüll und Süderlügum, dann ausgeschildert) zu erreichen. Mit der Deutschen Bahn oder der Nord-OstseeBahn fährt man bis Klanxbüll, von dort weiter per Taxi, ca. 14 Euro. Sylt-Touristen wird ein „Shuttle-Ticket“ angeboten: Bahnfahrt, Taxi plus Eintritt Seebüll kosten 20 Euro (Buchung unter Telefon 0 46 61/9 80 88 90).

Nolde-Stiftung Seebüll Die Stiftung in Neukirchen besitzt 600 Gemälde sowie 4500 Grafiken und Zeichnungen von Emil Nolde, aus denen jährlich wechselnde Ausstellungen bestückt werden. Mehr unter Telefon 0 46 64/98 39 30 oder im Internet unter www.nolde-stiftung.de. Die Stiftung hat vom 1. März bis 30. November täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, donnerstags bis 20 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 8 Euro, Studenten und Schüler zahlen 3 Euro. Der Garten ist während der Öffnungszeiten frei zugänglich. Das „Restaurant Seebüll“ ist täglich geöffnet von 9 bis 23 Uhr (mehr unter Telefon 0 46 64/98 39 70). Das „Gästehaus Seebüll“ (dieselbe Telefonnummer) hat sieben Doppelzimmer und zwei Apartments, eine Übernachtung ist ab 65 Euro zu haben.

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