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München : Shoppingziel Flughafen

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Flughäfen sind heute längst nicht mehr nur Flughäfen. Zumindest , wenn man so wie in München die Erkenntnis in die Praxis umgesetzt hat, daß man allein von den Landegebühren in Zukunft nicht mehr profitabel leben kann. So verändern sich Flughäfen zu Einkaufs- und Unterhaltungszentren und machen sogar als Ausflugsziel Karriere.

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          Es wird nicht viel sein, was "Die Sendung mit der Maus" und DJ Ötzi gemeinsam haben. Zumindest schmücken beide das Freizeitprogramm am Münchner Flughafen: DJ Ötzi als Stargast des Sommerfestivals im Supermarkt des Airport Centers und "Die Sendung mit der Maus" als fester Bestandteil des Kinoprogramms im Besucherzentrum des bayerischen Großflughafens. Tiroler Bierzeltgesänge und Kinderunterhaltung, das ist nicht gerade das, was man mit dem Flair eines internationalen Flughafens in Verbindung bringen würde. Aber Flughäfen sind heute längst nicht mehr nur Flughäfen. Zumindest wenn man so wie in München die Erkenntnis in die Praxis umgesetzt hat, daß man allein von den Landegebühren in Zukunft nicht mehr profitabel leben kann. So verändern sich Flughäfen zu Einkaufs- und Unterhaltungszentren und machen sogar als Ausflugsziel eine neue Karriere.

          Zum Münchner Flughafen im Erdinger Moos pilgern an Wochenenden Tausende von Besuchern, deren Reisepläne spätestens vor dem Sicherheitsbereich beim Check-In zu Ende sind. Sie wollen einkaufen, essen und trinken, vom Aussichtshügel des Besucherzentrums Flugzeuge beobachten und das Innenleben der ausgestellten alten Verkehrsmaschinen besichtigen. Sie sitzen zum Brunch im Thailand-Restaurant, dinieren im bayerischen Biergarten und lassen im Wiener Kaffeehaus oder in der italienischen Espressobar die Zeit verstreichen. Die schöne bunte Warenwelt, wie man sie sonst nur in den Zentren der Städte vermutet, sie lockt auch hier. Und sonntags haben alle Geschäfte offen. Alles, was nicht mit Fliegen zu tun hat und Geld in die Kasse bringen kann - das "Non Aviation Business"-, wird als das Geschäft der Zukunft gesehen.

          Mit DJ Ötzi beim Sommerfest

          Aus Flughäfen würden so "Airport Cities" mit urbanen Strukturen, meint das Beratungsunternehmen A.T. Kearney in einer Studie zum Non-Aviation-Geschäft. Flughäfen wie München, Kopenhagen und Oslo erwirtschaften damit fast die Hälfte ihres Umsatzes. Das nimmt vor allem Einfluß auf die Architektur der Flughäfen, wie man recht anschaulich in München studieren kann. Das Terminal 1, das 1992 in Betrieb genommen wurde, war noch gänzlich auf die Funktionalität des Reisens abgestimmt und ließ Handel und Dienstleistungen nur Randbereiche. Das nunmehr vier Jahre alte Terminal 2 dagegen bietet Raum für breite ShoppingBoulevards. Und die überdachte Freifläche des Airport Center wirkt wie eine riesige Piazza, eingerahmt von Boutiquen, Supermärkten und Fast-food-Restaurants. Sortiment und Preise in den Läden werden von der Flughafen München GmbH mit bestimmt.

          Handel und Gastronomie brauchen Frequenz, und die kommt nicht nur von den Fluggästen. Deshalb entwickelt sich am Flughafen eine ungewöhnliche Eventkultur. Neben dem Sommerfestival samt DJ Ötzi im Edeka-Supermarkt, übrigens dank seines reichhaltigen und ansprechend dekorierten Angebots von einer Fachzeitschrift mehrfach zum Supermarkt des Jahres gekürt, lockt man die Gäste mit unterschiedlichsten Unterhaltungsangeboten. Da organisierte man ein Showkochen mit Roberto Blanco oder einen Weihnachtsmarkt mitten im Flughafen. Im August wird die große Freifläche für drei Wochen Schauplatz eines Beachvolleyball-Turniers sein. Und demnächst läßt ein Münchner Autohändler einen ausgewachsenen Airbus A340 von zwei Porsche-Sportwagen auf dem Rollfeld ziehen.

          Von Cabrio bis Immobilie

          Wesentlich subtiler sind die Aktivitäten der Konzerne, die sich am Flughafen etabliert haben und sich nicht mit Werbeflächen begnügen. Audi offeriert in seinem Forum neben Showroom und Vorführwagen, die von immerhin acht Verkaufsberatern präsentiert werden, auch Seminarräume. BMW unterhält seit Jahren ein Fahrtrainingszentrum und bietet vom Flughafen aus organisierte Cabrio-Touren in die bayerische Provinz an. Längst werden auch neue Modelle von den Autoherstellern hier der Öffentlichkeit präsentiert. Schließlich ist der Standort Flughafen nicht nur denkbar verkehrsgünstig, er liefert auch zahlungskräftige Passanten und damit einen zusätzlichen Werbeeffekt.

          Wie einträglich das Non-Aviation-Geschäft sein kann, unterstreicht auch Rainer Beeck, der bei der Flughafen München GmbH für Immobilienmanagement und -entwicklung verantwortlich ist: "Wir haben an Wochenendtagen zwar fünfzig Prozent weniger Flugverkehr als am Freitag, aber im offenen Bereich vor den Sicherheitskontrollen dreißig Prozent mehr Umsatz." Beim Airport Live, einer Art Tag der offenen Tür, zählt man an zwei Tagen bis zu vierzigtausend Gäste. Und allein der Besucherhügel gehört mit dreihunderttausend Menschen pro Jahr zu den populärsten Sehenswürdigkeiten in Bayern.

          Damit die Ausflugsgäste aus dem Umland auch leichter den Weg zum Flughafen finden, gibt es Vergünstigungen und Annehmlichkeiten wie freies Parken in Verbindung mit Einkäufen oder eine Kinderbetreuung. Die Attraktivität des Flughafens als Ausflugsziel resultiert wohl nicht nur aus dem kommerziellen Angebot, sondern auch aus der internationalen Atmosphäre und dem Komfort, ohne Verkehrsprobleme alles an einem Ort zu finden.

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