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Monaco : Mit Gottes Hilfe durch die Hölle

  • -Aktualisiert am

Unsinnig, aber spannend: Formel 1 in Monaco. Bild: dpa

Menschen stehen mit Champagnergläsern herum und träufeln sich Bedeutung ein - wer Lust auf eine Depression hat, sollte als echter Fan der Formel 1 die VIP-Tribüne von Monaco besuchen.

          6 Min.

          So muss es beginnen. In der Hotellobby meckern am Abend vor dem siebenundsechzigsten Großen Preis von Monaco, dem sechsten Lauf der Formel-1-Weltmeisterschaft 2009, sichtbar begüterte deutsche Motorsporttouristen über die Taxipreise an der Côte d'Azur, und zwar mit einer Ausdauer und Inbrunst, als gelte es, die unbestreitbaren Ausnahmefähigkeiten des neuen deutschen Formel-1-Shootingstars zu rühmen, des Großtalents Sebastian Vettel.

          "Vettel ist ein Genie", sagt wenig später unser Taxifahrer und schwärmt und schwärmt von dessen fahrerischem Instinkt und Gefühl, von Vettels technischem und taktischem Verständnis, von seiner analytischen Begabung und seiner Entschlossenheit. Als wir auf der Promenade des Anglais das Rollfeld für Privatjets des Flughafens Nizza/Côte d'Azur passieren, unterbricht er seine Eloge. "Im vergangenen Jahr gab es hier keinen einzigen Stellplatz mehr. Alles belegt. Jetzt herrscht, wie Sie sehen, gähnende Leere. Die Krise hat die Geschäftswelt voll erwischt."

          Modellbaukasten fürs Paradies

          Wenn man etwa dreißig Kilometer weiter östlich von der Autobahn La Provençale abbiegt und sich über steile Serpentinen dem Stadtstaat Monaco nähert, dann öffnet sich ein grandioser Blick auf den Hafen des Fürstentums, den Port Hercule. Ein Kreuzfahrtschiff liegt vor Anker, mächtige Yachten und blitzend weiße Sportboote säumen die Kais - ein Bild wie zusammengesetzt mit dem Modellbaukasten fürs Paradies.

          Schön und reich: Boris Becker und seine aktuelle Freundin Lilly Kerssenberg werden von Prinz Albert von Monaco begrüßt.

          Achtzig Prozent der Menschen, die jedes Jahr zum Grand Prix in Monaco pilgern, dem neben den 500 Meilen von Indianapolis und den 24 Stunden von Le Mans wichtigsten Rennsportereignis, interessierten sich nicht einen Funken für das Geschehen auf der Strecke, erklärt man uns. Bloß die Fans aus Italien kämen der fanatischen Unterstützung des Ferrari-Teams wegen. Viele von ihnen finden sich in den Hainen rund um die Avenue de la Port-Neuve auf dem Felsen von Monaco ein, unterhalb der Kathedrale und des Fürstenpalastes. Dort kosten die Plätze dem Vernehmen nach nichts. Allerdings sieht man die Boliden durch die Hafenpassage und über die Start-Ziel-Gerade auch nur als Spielzeugautos flitzen.

          Irrsinn mit System

          Der Motorsport hat in Monaco eine ehrwürdige Tradition. Im Jahr 1911, in dem Jahr, in dem sich der bei einer Fläche von knapp zwei Quadratkilometern zweitkleinste Staat der Welt eine Verfassung gab, wurde der Klub "Rallye Automobile" gegründet. Achtzehn Jahre später fand das erste Autorennen auf dem verwinkelten, nur 3,34 Kilometer langen Parcours durch die Viertel La Condamine und Monte Carlo statt. Im Grunde ist es ein Irrsinn, weit über dreihundert Stundenkilometer schnelle, mit unvorstellbaren Beschleunigungspotentialen versehene Boliden durch schmale Straßen und Schikanen, durch enge Kurven mit kniffligen Radien und über wellige Hügel zu steuern, nein: zu jagen. Ein ehemaliger Formel-1-Rennfahrer verglich dieses Unterfangen einmal damit, in einem Wohnzimmer Hubschrauber zu fliegen. Allein, es ist ein schöner Aberwitz, der vom Verlangen des Menschen zeugt, das Unmögliche zu versuchen, die Gefahr als Ansporn zu verstehen, die Angst zu besiegen und ziselierteste Technik mit fahrerischem Wagemut zu vermählen. Der deutsche Formel-1-Pilot Nick Heidfeld bezeichnet Monaco deshalb als "absolute Herausforderung".

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