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Mit Georg Büchner unterwegs : Und so wanderte ich in der lieblichen Kühle

Attraktionen sind rar auf dem Weg von Gießen nach Offenbach Bild: Freddy Langer

Eine Nacht und einen halben Tag brauchte Georg Büchner im Jahr 1834 für die Strecke von Gießen nach Offenbach - quer durch die Wetterau. Aber es war ja kein Spaziergang. Es ging um Leben und Tod.

          12 Min.

          Ein Foto wäre schön gewesen. Ein Porträt als Begleiter. Festgehalten auf einer Daguerreotypie. Der Blick ernst, wegen der minutenlangen Belichtungszeit. Die Haltung steif, weil der Körper mit dem Stuhl verschraubt gewesen wäre, um jedes Wackeln zu verhindern. Und dennoch hinter all dem vielleicht ein Ausdruck von Genie und von Verwegenheit? Mit hoher Stirn, wirrem Haar und einem Zug von Wahn um die Augen herum. So könnte ich ihn mir vorstellen. Oder wäre uns auf diesem Foto auch nur das blasse, brave, kindliche Gesicht überliefert, das wir aus den Zeichnungen von August Hoffmann und Alexis Muston kennen? Mit dem zarten Bärtchen über dem schmalen Mund bei dem einen Künstler und dem melancholisch wirkenden Gesichtsausdruck bei beiden. Ein, zwei Jahre nur trennten Georg Büchner, der 1837 im Alter von dreiundzwanzig Jahren starb, von der Erfindung der Fotografie.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Steckbriefe gibt es. Er wurde ja wegen seiner „indicirten Theilnahme an staatsverrätherischen Handlungen“ polizeilich gesucht. Statt der Vorladung des Untersuchungsrichters zu folgen, war er im März 1835 nach Straßburg geflohen. Die am 16. Juni im „Frankfurter Journal“ veröffentlichte „Personal-Beschreibung“ beschränkt sich auf Alter (21 Jahre), Körpergröße (6 Schuh, 9 Zoll neuen Hessischen Maases) und jeweils ein Adjektiv zu allen Teilen des Gesichts - vom blonden Haar und der sehr gewölbten Stirn über die grauen Augen und die starke Nase bis zum kleinen Mund und dem runden Kinn. Die Gesichtsfarbe wird als frisch beschrieben, die Statur als kräftig und schlank. Besonderes Kennzeichen ist seine Kurzsichtigkeit.

          Flaneur im Gehrock

          Aber schon vorher hatte es einen Suchbefehl gegegeben. Anfang August des vorangegangenen Jahres, 1834, als sich Büchner Hals über Kopf auf den Weg gemacht hatte von Gießen nach Offenbach. Er habe, heißt es dort, einen „düsteren, nach der Erde gesenkten Blick“, und er gehe „etwas einseitig“. Als Kleidung werden ein runder schwarzer Hut vermutet und ein blautüchner Rock - sein Polenrock vermutlich. Die Beinkleider sind unbekannt, die Stiefel „gewöhnlich“.

          Und so lasse ich ihn nun neben mir hergehen, mit dem Zylinder auf dem Kopf, der ihm unter den Gießener Studenten zu einer gewisser Berühmtheit verholfen hatte, und mit diesem Schritt, den ich mir noch nicht so recht vorstellen kann, „etwas einseitig“. Hat er ein Bein nachgezogen? Eine Schulter nach vorne geschoben? So oder so, er war in Eile, damals, auf seinem Weg von Gießen nach Offenbach, siebzig Kilometer.

          Büchners Weg von Gießen nach Offenbach

          Eine Nacht und einen halben Tag hat er für die Strecke gebraucht. „Theils zu Fuß, theils fahrend mit Postillionen und sonstigem Gesindel“, schreibt er in einem Brief an die Eltern. Es ist kaum übertrieben, wenn man sagt, es sei um Leben und Tod gegangen. Das allerdings verschweigt er den Eltern; im Gegenteil. Den ungewöhnlichen Aufbruch zu Nachtzeiten erklärt er mit der „gewaltigen Hitze“ des Hochsommertags. „Und so wanderte ich in der lieblichen Kühle unter hellem Sternenhimmel, an dessen fernstem Horizonte ein beständiges Blitzen leuchtete.“ Das ist fast romantisch und erinnert an eine Zeile des Gedichts „Die Nacht“, das er den Eltern wenige Jahre zuvor als Weihnachtsgeschenk geschrieben hatte.

          Ich bleibe erst einmal in Gießen und betrachte die Auslage des kleinen Ladens „Clabelle“ gleich am Anfang des Selterswegs, der Fußgängerzone im Zentrum der Stadt, die sich in der Eigenwerbung „Boulevard der Marken“ nennt und deren Logo ein Flaneur im Gehrock ist. „Clabelle“ ist ein Piercing-Studio. Im Schaufenster liegen „Silicontunnel“ in vielerlei Farben und Größen. „Wir dehnen auch“, steht auf einem Schild. Ein anderes weist auf einen separaten Raum für diskrete Behandlungen hin. Subdermal, ohne Termin, mit Betäubung. Als ich ein paar Notizen mache, kommt eine junge Frau aus dem Laden und fragt, ob sie helfen könne. Ich frage nach den Tunneln und an welcher Stelle sie eingesetzt werden. Über die diskrete Behandlung traue ich mich nicht zu reden. Dafür lasse ich den Namen Büchner fallen. Der käme ihr vertraut vor, sagt die junge Frau, aber ganz genau wisse sie nicht, wer das sei. Dann geht sie zurück zu ihren Werkzeugen.

          Schöne Wetterauer Kartoffeln!

          Georg Büchner hatte dort gewohnt, wo jetzt das Piercing-Studio untergebracht ist. Das Haus ist heute ein anderes, so wie es auch das Selterstor nicht gibt, sondern nur dessen Namen auf dem Stadtplan, keine hundert Meter von Büchners Adresse entfernt. Dort hatte man am Nachmittag des 1. August 1834 Karl Minnigerode festgenommen, der 139 Exemplare des „Hessischen Landboten“ bei sich hatte, der Flugschrift, in der Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidig unter dem Kampfaufruf „Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!“ die sozialen Missstände der Zeit kritisierten und mit der sie die Bevölkerung für ihre Oppositionsbewegung mobilisieren wollten. Minnigerodes Ausflüchte, er sei damit auf dem Weg zur Polizei gewesen, um Anzeige zu erstatten, nahm man ihm nicht ab. Zumal er einen großen Teil der Pamphlete ins Futter seines Mantels eingenäht hatte. Die Nachricht von der Festnahme verbreitete sich rasch. Was sie bedeutete, war augenblicklich klar: Es musste einen Verräter geben. Deshalb die Eile. Büchner musste so schnell wie möglich nach Butzbach, um dort die anderen Oppositionellen der gemeinsamen Geheimorganisation zu warnen, Friedrich Ludwig Weidig und Carl Zeuner - dann weiter nach Offenbach, wo bei Carl Preller die Druckplatten lagen. Jetzt waren alle in Gefahr.

          Wolken hängen düster und schwer über der Stadt. Es regnet. „Das muss ja ein Vergnügen sein bei dem Wetter! Das sind doch gefühlt höchstens 8 Grad“, erreicht mich eine SMS von Sylvia, einer Freundin, die sich immer wieder gern über meine Wanderungen bei schlechtem Wetter lustig macht. Die Temperaturanzeige über dem Eingang einer Sparkasse ist freundlicher: Dort werden 12,3 Grad angegeben. Schöner allerdings wäre Gießen vermutlich auch bei Sonnenschein nicht. Das Selterstor von heute ist eine Fußgängerüberführung aus Beton von gigantischen Dimensionen. Ihrer drei runden Aussparungen wegen gilt sie manchen als großartiges Werk der Moderne. Die Bevölkerung nennt sie lakonisch: Elefantenklo.

          Die Frankfurter Straße zweigt dort ab und führt aus der Stadt hinaus, in südliche Richtung, und so verläuft grob auch der restliche Weg, bisweilen fast schnurgerade. „Chaussee“ hieß die Straße nach Bad Vilbel zu Büchners Zeiten, und so wird sie bis heute von älteren Herrschaften genannt. Offziell ist es die B3, mal Landstraße, mal Schnellstraße, oft Umgehungsstraße, während sie früher mitten durch die Dörfer und Ortschaften führte. Zu Fuß kommt man dort nicht sehr weit. Oft gibt es nicht einmal einen Randstreifen. Ich werde mir sehr bald meinen Weg durch die Wetterau über Äcker und Felder suchen, fruchtbaren Boden, den schon die Römer mit dem Limes umzäunten, um mit den Ernten von dort die Legionen bei Mainz zu ernähren. Und es ist noch nicht lange her, da kamen im Herbst die Bauern dieses Landstrichs mit ihren Traktoren in die Frankfurter Innenstadt gefahren, parkten in den Wohnstraßen, läuteten mit einer Glocke und boten mit dem derben, leicht gutturalen Zungenschlag der Gegend „Kartoffeln! Schöne Wetterauer Kartoffeln!“ an, die sie direkt vom Anhänger herunter verkauften.

          Noch aber bin ich in Gießen. Die Frankfurter Straße ist gesäumt von kleinen Läden und riesigen Plakaten, darunter eines der Firma Otto Bock, von der man sagt, sie stelle die schönsten Prothesen der Welt her. Auf dem Bild steigt eine elegant gekleidete Frau mit silberblondem Haar aus einem teuren, schwarzen Wagen, ihr eines Bein besteht bloß aus ein paar Plastikschienen, und ich frage mich, ob ihr Gang wohl auch „etwas einseitig“ ist. An einer geschlossenen Tankstelle wirbt etwas später auf einem Bild eine splitternackte junge Frau, die aussieht, als sei sie Stammkundin bei „Clabelle“, für die Party zum siebten Geburtstag von „Erotic Island“ - mit „Grillen im Außenbereich“ und der Verlosung einer „halben Stunde privat mit Kitty Core“. Da hätte sicher auch Georg Büchner etwas genauer hingeschaut, er, dem die biedermeierlich-kleinstaatliche Enge des Großherzogtums ein Greuel war und der die bürgerliche Moral als Mittel der Unterdrückung begriff. „Endlich sahen wir nicht ein, warum wir nicht eben so gut zwischen zwei Bettüchern bei einander liegen, als auf zwei Stühlen neben einander sitzen durften“, lässt er Marion in „Dantons Tod“ sagen.

          Ein Lindenbäumchen, zart und klein

          Ansonsten säumen zwischen Gründerzeithäusern Bäckereien, Lokale und Schnellimbisse die Frankfurter Straße, vermutlich für den studentischen Teil der Bevölkerung. Gießen ist Universitätsstadt. Die Plastikfassaden und Allerweltslogos dieser Läden stehen im krassen Gegensatz zu dem ausgefallenen Angebot: Pastinakencremesuppe, Kartoffelzwiebelbrot, leckere hessische Tapas. Hätte ich geahnt, dass es in Kleinlinden, Großen-Linden, Langgöns, Kirch-Göns und Pohl-Göns keine Gasthäuser gibt und schon gar keine, die an einem gewöhnlichen Werktag mittags geöffnet haben, vielleicht wäre ich eingekehrt. Oder hätte etwas mitgenommen, auf die Hand. Im Rucksack hatte ich nicht einmal eine Tüte Gummibärchen. Wer denkt das denn auch: zu verhungern im Großraum Frankfurt.

          Und dann, fast wie im Märchen, tat sich gut eine Stunde später oder vielleicht auch knapp zwei direkt am Weg eine Art Vorratskammer auf, wie ein Obstladen mitten in der Natur: zwei Dutzend Apfelbäume in langer Reihe, jeder eine andere Sorte, jede auf einem Täfelchen benannt und beschrieben. Manche Bäume hingen so voll, dass sich die Äste bogen: Heuchelheimer Schneeapfel, Goldparmäne, James Grieve und so weiter. Nur Kaiser Wilhelm war nicht „leicht stippig“, wie beschrieben, sondern stark verschimmelt. Und Ingrid Marie, „für rauhe Lagen“, fühlte sich in der Wetterau offensichtlich gar nicht wohl. Da ragte nur ein abgesägtes Stämmchen in die Höhe. Vielleicht ist die Wetterau für Ingrid Marie nicht rauh genug.

          Als Idyll freilich mag man die Wetterau auch nicht bezeichnen. Büchner mochte diesen Landstrich nicht: „Hügel hinter Hügel und breite Täler, eine hohle Mittelmäßigkeit in allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen.“ Und kaum je kuscheln sich die Häuser eines Dorfs eng um eine Kirche, deren Turm schon von weitem zu sehen ist. Vielmehr sieht man heute zu allererst die ewiggleichen Villen am Ortsrand, zusammengestellt aus dem Teilekatalog der Fertighausanbieter. Hier ein Erker, dort ein Türmchen, dort ein vorgezogenes Dach - ansonsten keinerlei Details, sondern schmucklose Fassaden, Kunststoffrahmen, Styropor-Isolierung, maschinengeformte Ziegel. Was sich die Menschen da ins neu ausgewiesene Bauland gepflanzt haben, sind seelenlose Paläste, denen einer wie Büchner vielleicht ebenfalls den Krieg erklärt hätte. Doch die Menschen davor, die womöglich noch im Dorf in Hütten aufgewachsen sind, aber sich nun ihre kleinen Schlösser leisten können, oder die aus der Großstadt hergekommen sind, um hier ihren Lebensabend zu verbringen, diese Menschen wirken beim Reparieren ihrer Autos und beim Gespräch mit dem Nachbarn zufrieden. Nur vorstellen mag man sich nicht, dass sie sonntags entlang der Schallschutzwälle der A5 entlang spazieren, die auf der Autobahnseite mit Bäumen und Büschen bepflanzt sind, deren Laub gerade in den ersten Herbstfarben zu leuchten beginnt, deren Rückseiten zu den Orten hin aber nur von Unkraut überwuchert sind. Und wer würde wohl Platz nehmen auf jener Bank, so dicht neben einer Autobahnunterführung, dass man meint, man müsse den Kopf einziehen, wenn man dort sitzt? Trotzdem steht für Abfälle ein Papierkorb bereit. Und es hat jemand unmittelbar neben der Bank ein Lindenbäumchen, zart und klein, gepflanzt. Bis es seine stattliche Höhe erreicht hat, fährt die Menscheit vermutlich gar nicht mehr mit Autos.

          Heuchlerischer Himmel

          Auf der anderen Seite der Autobahn dann Wiesen bis Langgöns. Auf einer Koppel grasen Pferde, eines so dürr, als sei es den Apokalyptischen Reitern entflohen. Schwalben zirkeln tief am Himmel, weiter oben kreischt ein Bussard. Prompt gibt es im nächsten Ort ein Fachgeschäft mit Waren für Hobbyornithologen, darunter ein T-Shirt, dass den armen Vögeln einen Wortwitz abverlangt. Dann Pohl-Göns, dessen Höfe sich links und rechts der Straße aneinanderquetschen, als bildeten sie einen Wall. Verstärkt wird der trutzige Charakter durch die Parterrefenster in luftiger Höhe. Die Tore sind so groß, dass eine Windjammer hindurchpasste. Ja, ja, wird später Dieter Wolf sagen, das Oberhessische Hohe Tor und dabei schmunzeln. Das ist dann schon in Butzbach, dem Ort, der in der Tourismuswerbung „Die Perle der Wetterau“ heißt und auf dem Ortsschild Friedrich-Ludwig-Weidig-Stadt. Wolf leitet dort seit sechsundzwanzig Jahren das Heimatmuseum samt dem Weidig-Archiv.

          Weidig war maßgeblich an der Gründung von radikal-oppositionellen Tarnorganisationen beteiligt und hatte geholfen, den Frankfurter Wachensturm vorzubereiten. Eine Führerfigur, die in Büchner vermutlich nicht nur den Geistesverwandten gesehen hat, sondern auch einen Konkurrenten. Weidig hat den „Hessischen Landboten“ überarbeitet. Was genau er verändert hat, ist nicht zu rekonstruieren. Büchner jedenfalls war nicht glücklich darüber, nahm die neue Fassung aber hin und warnte in jener Augustnacht des Jahres 1834 Weidig als einen der Ersten. Es war gegen Mitternacht, als er den Seiler Zeuner aus dem Bett klopfte, einen Mitverschworenen, um sich zu Weidig führen zu lassen. Dessen Haus, so viel war bekannt, wurde von Spitzeln und Gendarmen beobachtet.

          Butzbach war Marktort, ein belebtes Städtchen, in dem die Bewohner der ganzen Gegend ihren Geschäften nachgingen und Buben Gänse, Ziegen oder sonstiges Getier durch die Gassen trieben. Aber jetzt war es still, und man kann nur spekulieren, wie es Büchner gelungen ist, unbemerkt durchs Stadttor zu schlüpfen. Die Mauer um den Ort, von der heute nur noch kleine Reste stehen, war damals noch intakt. Im Museum zeigt ein Modell den Ort zu jener Zeit. Am Gewirr der Altstadt hat sich kaum etwas geändert. Nur sind die Straßen jetzt gepflastert, die Häuser mit Ziegeln gedeckt, das Fachwerk ist herausgeputzt.

          Dort, wo Zeuner wohnte, ist heute ein Teeladen. In Weidigs Haus hat die „Butzbacher Zeitung“ ihren Sitz. Beides sind wunderbar restaurierte Fachwerkhäuser. Auch jetzt ist es Nacht. Punkt zehn. Da geht schlagartig die Straßenbeleuchtung aus. Die Wirtshausschilder hatten schon vorher nicht mehr gebrannt, nur die Leuchtreklame „Fußpflege“ strahlt noch über einem Ladengeschäft. Ich lande in Mike’s Bar, in der Whisky und Rum direkt flaschenweise angeboten werden, begnüge mich aber mit einem Bier. Die Gäste wie deren Gespräche könnte ich mir ebensogut in einer Kaschemme gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vorstellen.

          Am nächsten Morgen heuchelt der Himmel mit einem hellblauen Streifen gutes Wetter vor. Aber später wird es dann doch wieder regnen. Ich gehe einen Schritt schneller, als würde ich dadurch weniger nass. Auch Büchner ging ja schnellen Schritts. Muss schnellen Schritts gegangen sein. Sonst hätte er unmöglich schon am Nachmittag Offenbach erreicht. Allzu verdächtig machen aber durfte er sich nicht. Er war ohne die notwendigen Papiere unterwegs. Und wenn auch der Steckbrief noch nicht veröffentlicht war, konnte er doch ahnen, dass man ihn suchte.

          Getrieben von Angst

          Weil Büchner einen Teil der Strecke fuhr, mit der Kutsche und auf Fuhrwerken, werde auch ich für einen Augenblick wankelmütig, als mich in Ober-Mörlen ein Bierkutscher anspricht. „Wo soll’s hingehen“, fragt er. Als ich Offenbach sage, deutet er mit dem Finger zur Firmenadresse auf der Fahrzeugtür. Ebendort kommt er her, und dort würde er am Abend wieder sein. Ich soll ihm helfen, Kisten abzuladen - dann nähme er mich mit. Aber ich will nicht arbeiten. Ich will gehen. Auch wenn der Landstrich jetzt noch eintöniger wird.

          Stoppelfelder, Rübenäcker, Kartoffeln. Auf dem Teer einer der landwirtschaftlichen Straßen streiten sich ein Käfer und eine Wespe um eine platt gefahrene Schnecke. Die Wespe gewinnt. Der Käfer krabbelt missmutig davon. Dabei hätten beide satt werden können. Büchner sprach im „Landboten“ von „den Armen“ und „den Reichen“ - Weidig hat daraus „Die Vornehmen“ gemacht. Als in der Ferne ein Bauer mit seinem Traktor den Acker pflügt, denke ich, dass mal jemand einen Aufsatz über das Zusammenspiel von Gleichmut und Fleiß schreiben sollte. Sonst bewegt sich nichts in dieser Landschaft. Selbst die Windräder, hier und da, stehen still. Einmal raschelt das Laub von Pappeln, und es klingt, als klatschten schwere Wassertropfen auf Stroh. Aber vielleicht hat sich das Geräusch des Regens mittlerweile in meinen Ohren festgesetzt.

          Der Kurpark in Bad Nauheim mit seinen Salinen - keine Zeit. Die Kaiserstraße von Friedberg, diese zum Leben erweckte Doppelseite aus einem Wimmelbuch, so breit, dass ein Vierspänner dort problemlos wenden könnte - keine Zeit. Am Ortsausgang steht aus Eisen die Silhouette Elvis Presleys, der hier als Soldat der amerikanischen Armee stationiert war. Und an einer Scheunenwand ein paar Kilomter weiter irgendwo im Nichts steht mit Farbe angeschmiert gleich zweimal das Wort „Murderer“. Das klingt nach einer Geschichte. Aber ich bin wieder einmal auf der Flucht vor einer Regenwolke und renne zu einer riesigen Kastanie, die schützend ihre Äste über eine Wegkreuzung ausbreitet. Wenig später fließt in einer Senke ein Bach und erinnert mich an die Passage in Andreas Maiers großartiger Wetterau-Saga, in der Männer in einer Art Bürgerselbstschutz mit Hämmern und Schürhaken bewaffnet durch die Sträucher schleichen auf der Suche nach einem Exibitionisten, von dem ihnen die Kinder berichtet haben.

          Für Georg Büchner hat sich auf dieser Tour vielleicht seine Einstellung zur Welt geändert. Ein Verräter in der eigenen Gruppe: das muss ihn getroffen haben. Und messbaren Erfolg würde sein „Landbote“, den er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal in Händen gehalten hat, auch nicht haben. Bestenfalls trug die Flugschrift dazu bei, die Diskussion über soziale Ungerechtigkeiten ein wenig anzuschubsen. Doch hatte Büchner darin ja auch zu keinen Aktionen aufgerufen. Das Elend der Landbevölkerung, meinte er, müsse doch Zündstoff genug sein, eine Revolution zu entfachen. Stattdessen hörte er auf, wie Karl Gutzkow, sein Bekannter, der Autor und Stimmführer der jungdeutschen Bewegung, schrieb, „von gewaltsamen Umwälzungen zu träumen“. War das vielleicht die Quintessenz seiner Überlegungen auf dem Weg von Gießen nach Offenbach? Enttäuscht vom Verrat durch einen der heimlichen Revolutionäre, erschöpft von der Tour. Dachte er da schon an die Dramen, die er wenig später schreiben würde, zuerst „Dantons Tod“, in nur fünf Wochen? Oder an Lenz, den er in seiner Erzählung durch die Vogesen schickt? Vermutlich war er einfach nur getrieben von Angst.

          Vorsichtig. Etwas einseitig

          Mich treibt die Verzweiflung. Der Weg nimmt kein Ende. Ober-Wöllstadt, Nieder-Wöllstadt. Okarben, Groß-Karben. Lauter gesichtslose Schlafstädte. In Dortelweil dann die alte Zollstation, an der sich Büchner wiederum vorbeigemogelt haben dürfte. Als ich nach dem alten Haus mit dem Adler an der Fassade frage, führt mich ein Bub zu einer Pension, die mit dem Logo der Brauerei Binding Werbung macht für deren Bier. Die Wetterau liegt jetzt ganz offensichtlich hinter mir. Dort hatte es überall nur Licher gegeben.

          Ein Berg noch, bevor es hinunter zum Main geht. Es dämmert bereits, als ich den Fluss erreiche. In Fechenheim säumen Pappeln die neu angelegte Promenade mit dem hellen Kies, der unter den Schuhen knirscht und im Dunkeln ein wenig leuchtet. Am Ufer sitzt eine junge Frau und schaut aufs Wasser, völlig versunken in ihren Gedanken, als sie aufgeschreckt wird von einem Flusskreuzfahrtschiff so lang wie zwei Regionalzüge. Die Passagiere sitzen beim Essen, ein Zimmermädchen richtet gerade eine Kabine her für die Nacht.

          Ich gehe hinunter ans Wasser, unter den Ästen von Trauerweiden hindurch, bis ich in einer Märchenwelt stehe. Jetzt ist es stockfinster. Noch immer schwappen von dem großen Schiff Wellen ans Ufer. Zu Büchners Zeiten gab es eine Bootsbrücke über den Main, gegenüber dem Schloss, und im Geiste sehe ich ihn, wie er mit tastendem Schritt zum anderen Ufer balanciert. Vorsichtig. Etwas einseitig. Die Druckplatten des „Hessischen Landboten“ wird er gemeinsam mit Preller so gut verstecken, dass sie nie gefunden werden.

          Ich verzichte darauf, über die neue Brücke nach Offenbach weiterzugehen. Aber das hat andere Gründe.

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