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Mit Georg Büchner unterwegs : Und so wanderte ich in der lieblichen Kühle

Der Kurpark in Bad Nauheim mit seinen Salinen - keine Zeit. Die Kaiserstraße von Friedberg, diese zum Leben erweckte Doppelseite aus einem Wimmelbuch, so breit, dass ein Vierspänner dort problemlos wenden könnte - keine Zeit. Am Ortsausgang steht aus Eisen die Silhouette Elvis Presleys, der hier als Soldat der amerikanischen Armee stationiert war. Und an einer Scheunenwand ein paar Kilomter weiter irgendwo im Nichts steht mit Farbe angeschmiert gleich zweimal das Wort „Murderer“. Das klingt nach einer Geschichte. Aber ich bin wieder einmal auf der Flucht vor einer Regenwolke und renne zu einer riesigen Kastanie, die schützend ihre Äste über eine Wegkreuzung ausbreitet. Wenig später fließt in einer Senke ein Bach und erinnert mich an die Passage in Andreas Maiers großartiger Wetterau-Saga, in der Männer in einer Art Bürgerselbstschutz mit Hämmern und Schürhaken bewaffnet durch die Sträucher schleichen auf der Suche nach einem Exibitionisten, von dem ihnen die Kinder berichtet haben.

Für Georg Büchner hat sich auf dieser Tour vielleicht seine Einstellung zur Welt geändert. Ein Verräter in der eigenen Gruppe: das muss ihn getroffen haben. Und messbaren Erfolg würde sein „Landbote“, den er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal in Händen gehalten hat, auch nicht haben. Bestenfalls trug die Flugschrift dazu bei, die Diskussion über soziale Ungerechtigkeiten ein wenig anzuschubsen. Doch hatte Büchner darin ja auch zu keinen Aktionen aufgerufen. Das Elend der Landbevölkerung, meinte er, müsse doch Zündstoff genug sein, eine Revolution zu entfachen. Stattdessen hörte er auf, wie Karl Gutzkow, sein Bekannter, der Autor und Stimmführer der jungdeutschen Bewegung, schrieb, „von gewaltsamen Umwälzungen zu träumen“. War das vielleicht die Quintessenz seiner Überlegungen auf dem Weg von Gießen nach Offenbach? Enttäuscht vom Verrat durch einen der heimlichen Revolutionäre, erschöpft von der Tour. Dachte er da schon an die Dramen, die er wenig später schreiben würde, zuerst „Dantons Tod“, in nur fünf Wochen? Oder an Lenz, den er in seiner Erzählung durch die Vogesen schickt? Vermutlich war er einfach nur getrieben von Angst.

Vorsichtig. Etwas einseitig

Mich treibt die Verzweiflung. Der Weg nimmt kein Ende. Ober-Wöllstadt, Nieder-Wöllstadt. Okarben, Groß-Karben. Lauter gesichtslose Schlafstädte. In Dortelweil dann die alte Zollstation, an der sich Büchner wiederum vorbeigemogelt haben dürfte. Als ich nach dem alten Haus mit dem Adler an der Fassade frage, führt mich ein Bub zu einer Pension, die mit dem Logo der Brauerei Binding Werbung macht für deren Bier. Die Wetterau liegt jetzt ganz offensichtlich hinter mir. Dort hatte es überall nur Licher gegeben.

Ein Berg noch, bevor es hinunter zum Main geht. Es dämmert bereits, als ich den Fluss erreiche. In Fechenheim säumen Pappeln die neu angelegte Promenade mit dem hellen Kies, der unter den Schuhen knirscht und im Dunkeln ein wenig leuchtet. Am Ufer sitzt eine junge Frau und schaut aufs Wasser, völlig versunken in ihren Gedanken, als sie aufgeschreckt wird von einem Flusskreuzfahrtschiff so lang wie zwei Regionalzüge. Die Passagiere sitzen beim Essen, ein Zimmermädchen richtet gerade eine Kabine her für die Nacht.

Ich gehe hinunter ans Wasser, unter den Ästen von Trauerweiden hindurch, bis ich in einer Märchenwelt stehe. Jetzt ist es stockfinster. Noch immer schwappen von dem großen Schiff Wellen ans Ufer. Zu Büchners Zeiten gab es eine Bootsbrücke über den Main, gegenüber dem Schloss, und im Geiste sehe ich ihn, wie er mit tastendem Schritt zum anderen Ufer balanciert. Vorsichtig. Etwas einseitig. Die Druckplatten des „Hessischen Landboten“ wird er gemeinsam mit Preller so gut verstecken, dass sie nie gefunden werden.

Ich verzichte darauf, über die neue Brücke nach Offenbach weiterzugehen. Aber das hat andere Gründe.

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