https://www.faz.net/-gxh-7i9mw

Mit Georg Büchner unterwegs : Und so wanderte ich in der lieblichen Kühle

Butzbach war Marktort, ein belebtes Städtchen, in dem die Bewohner der ganzen Gegend ihren Geschäften nachgingen und Buben Gänse, Ziegen oder sonstiges Getier durch die Gassen trieben. Aber jetzt war es still, und man kann nur spekulieren, wie es Büchner gelungen ist, unbemerkt durchs Stadttor zu schlüpfen. Die Mauer um den Ort, von der heute nur noch kleine Reste stehen, war damals noch intakt. Im Museum zeigt ein Modell den Ort zu jener Zeit. Am Gewirr der Altstadt hat sich kaum etwas geändert. Nur sind die Straßen jetzt gepflastert, die Häuser mit Ziegeln gedeckt, das Fachwerk ist herausgeputzt.

Dort, wo Zeuner wohnte, ist heute ein Teeladen. In Weidigs Haus hat die „Butzbacher Zeitung“ ihren Sitz. Beides sind wunderbar restaurierte Fachwerkhäuser. Auch jetzt ist es Nacht. Punkt zehn. Da geht schlagartig die Straßenbeleuchtung aus. Die Wirtshausschilder hatten schon vorher nicht mehr gebrannt, nur die Leuchtreklame „Fußpflege“ strahlt noch über einem Ladengeschäft. Ich lande in Mike’s Bar, in der Whisky und Rum direkt flaschenweise angeboten werden, begnüge mich aber mit einem Bier. Die Gäste wie deren Gespräche könnte ich mir ebensogut in einer Kaschemme gegen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts vorstellen.

Am nächsten Morgen heuchelt der Himmel mit einem hellblauen Streifen gutes Wetter vor. Aber später wird es dann doch wieder regnen. Ich gehe einen Schritt schneller, als würde ich dadurch weniger nass. Auch Büchner ging ja schnellen Schritts. Muss schnellen Schritts gegangen sein. Sonst hätte er unmöglich schon am Nachmittag Offenbach erreicht. Allzu verdächtig machen aber durfte er sich nicht. Er war ohne die notwendigen Papiere unterwegs. Und wenn auch der Steckbrief noch nicht veröffentlicht war, konnte er doch ahnen, dass man ihn suchte.

Getrieben von Angst

Weil Büchner einen Teil der Strecke fuhr, mit der Kutsche und auf Fuhrwerken, werde auch ich für einen Augenblick wankelmütig, als mich in Ober-Mörlen ein Bierkutscher anspricht. „Wo soll’s hingehen“, fragt er. Als ich Offenbach sage, deutet er mit dem Finger zur Firmenadresse auf der Fahrzeugtür. Ebendort kommt er her, und dort würde er am Abend wieder sein. Ich soll ihm helfen, Kisten abzuladen - dann nähme er mich mit. Aber ich will nicht arbeiten. Ich will gehen. Auch wenn der Landstrich jetzt noch eintöniger wird.

Stoppelfelder, Rübenäcker, Kartoffeln. Auf dem Teer einer der landwirtschaftlichen Straßen streiten sich ein Käfer und eine Wespe um eine platt gefahrene Schnecke. Die Wespe gewinnt. Der Käfer krabbelt missmutig davon. Dabei hätten beide satt werden können. Büchner sprach im „Landboten“ von „den Armen“ und „den Reichen“ - Weidig hat daraus „Die Vornehmen“ gemacht. Als in der Ferne ein Bauer mit seinem Traktor den Acker pflügt, denke ich, dass mal jemand einen Aufsatz über das Zusammenspiel von Gleichmut und Fleiß schreiben sollte. Sonst bewegt sich nichts in dieser Landschaft. Selbst die Windräder, hier und da, stehen still. Einmal raschelt das Laub von Pappeln, und es klingt, als klatschten schwere Wassertropfen auf Stroh. Aber vielleicht hat sich das Geräusch des Regens mittlerweile in meinen Ohren festgesetzt.

Weitere Themen

Gewerbe, Gewürge, Geplansche

F.A.Z.-Hauptwache : Gewerbe, Gewürge, Geplansche

Städtische Bühnen im Osthafen dürften keine gute Idee sein, im Awo-Skandal liegt eine weitere Strafanzeige vor und Offenbach bereitet sich auf den Wassermangel vor. Das und was heute sonst noch wichtig ist in Rhein-Main, steht in der F.A.Z.-Hauptwache.

Topmeldungen

Eine alarmierte Fresszelle, die sich Viren einverleibt.

Ur-Immunsystem unter Verdacht : Gift gegen das Virus

Unser Immunsystem ist der Schlüssel gegen Covid-19. Und das steckt voller Überraschungen. Jetzt ist sogar die „schmutzige Bombe“ unserer Abwehr als mögliche Rettung für Corona-Patienten im Spiel.
Eine Aufnahme aus dem Jahr 2010 zeigt die roten Roben der Richter in Karlsruhe.

NS-Vergangenheit von Richtern : Rote Roben, weiße Westen?

Das Bundesverfassungsgericht will die Verflechtungen seiner ersten Richtergeneration mit dem nationalsozialistischen Regime erforschen lassen. Das ist überfällig – und eine gewaltige Herausforderung. Ein Gastbeitrag.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.