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Mit Georg Büchner unterwegs : Und so wanderte ich in der lieblichen Kühle

Als Idyll freilich mag man die Wetterau auch nicht bezeichnen. Büchner mochte diesen Landstrich nicht: „Hügel hinter Hügel und breite Täler, eine hohle Mittelmäßigkeit in allem; ich kann mich nicht an diese Natur gewöhnen.“ Und kaum je kuscheln sich die Häuser eines Dorfs eng um eine Kirche, deren Turm schon von weitem zu sehen ist. Vielmehr sieht man heute zu allererst die ewiggleichen Villen am Ortsrand, zusammengestellt aus dem Teilekatalog der Fertighausanbieter. Hier ein Erker, dort ein Türmchen, dort ein vorgezogenes Dach - ansonsten keinerlei Details, sondern schmucklose Fassaden, Kunststoffrahmen, Styropor-Isolierung, maschinengeformte Ziegel. Was sich die Menschen da ins neu ausgewiesene Bauland gepflanzt haben, sind seelenlose Paläste, denen einer wie Büchner vielleicht ebenfalls den Krieg erklärt hätte. Doch die Menschen davor, die womöglich noch im Dorf in Hütten aufgewachsen sind, aber sich nun ihre kleinen Schlösser leisten können, oder die aus der Großstadt hergekommen sind, um hier ihren Lebensabend zu verbringen, diese Menschen wirken beim Reparieren ihrer Autos und beim Gespräch mit dem Nachbarn zufrieden. Nur vorstellen mag man sich nicht, dass sie sonntags entlang der Schallschutzwälle der A5 entlang spazieren, die auf der Autobahnseite mit Bäumen und Büschen bepflanzt sind, deren Laub gerade in den ersten Herbstfarben zu leuchten beginnt, deren Rückseiten zu den Orten hin aber nur von Unkraut überwuchert sind. Und wer würde wohl Platz nehmen auf jener Bank, so dicht neben einer Autobahnunterführung, dass man meint, man müsse den Kopf einziehen, wenn man dort sitzt? Trotzdem steht für Abfälle ein Papierkorb bereit. Und es hat jemand unmittelbar neben der Bank ein Lindenbäumchen, zart und klein, gepflanzt. Bis es seine stattliche Höhe erreicht hat, fährt die Menscheit vermutlich gar nicht mehr mit Autos.

Heuchlerischer Himmel

Auf der anderen Seite der Autobahn dann Wiesen bis Langgöns. Auf einer Koppel grasen Pferde, eines so dürr, als sei es den Apokalyptischen Reitern entflohen. Schwalben zirkeln tief am Himmel, weiter oben kreischt ein Bussard. Prompt gibt es im nächsten Ort ein Fachgeschäft mit Waren für Hobbyornithologen, darunter ein T-Shirt, dass den armen Vögeln einen Wortwitz abverlangt. Dann Pohl-Göns, dessen Höfe sich links und rechts der Straße aneinanderquetschen, als bildeten sie einen Wall. Verstärkt wird der trutzige Charakter durch die Parterrefenster in luftiger Höhe. Die Tore sind so groß, dass eine Windjammer hindurchpasste. Ja, ja, wird später Dieter Wolf sagen, das Oberhessische Hohe Tor und dabei schmunzeln. Das ist dann schon in Butzbach, dem Ort, der in der Tourismuswerbung „Die Perle der Wetterau“ heißt und auf dem Ortsschild Friedrich-Ludwig-Weidig-Stadt. Wolf leitet dort seit sechsundzwanzig Jahren das Heimatmuseum samt dem Weidig-Archiv.

Weidig war maßgeblich an der Gründung von radikal-oppositionellen Tarnorganisationen beteiligt und hatte geholfen, den Frankfurter Wachensturm vorzubereiten. Eine Führerfigur, die in Büchner vermutlich nicht nur den Geistesverwandten gesehen hat, sondern auch einen Konkurrenten. Weidig hat den „Hessischen Landboten“ überarbeitet. Was genau er verändert hat, ist nicht zu rekonstruieren. Büchner jedenfalls war nicht glücklich darüber, nahm die neue Fassung aber hin und warnte in jener Augustnacht des Jahres 1834 Weidig als einen der Ersten. Es war gegen Mitternacht, als er den Seiler Zeuner aus dem Bett klopfte, einen Mitverschworenen, um sich zu Weidig führen zu lassen. Dessen Haus, so viel war bekannt, wurde von Spitzeln und Gendarmen beobachtet.

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