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Mit Georg Büchner unterwegs : Und so wanderte ich in der lieblichen Kühle

Die Frankfurter Straße zweigt dort ab und führt aus der Stadt hinaus, in südliche Richtung, und so verläuft grob auch der restliche Weg, bisweilen fast schnurgerade. „Chaussee“ hieß die Straße nach Bad Vilbel zu Büchners Zeiten, und so wird sie bis heute von älteren Herrschaften genannt. Offziell ist es die B3, mal Landstraße, mal Schnellstraße, oft Umgehungsstraße, während sie früher mitten durch die Dörfer und Ortschaften führte. Zu Fuß kommt man dort nicht sehr weit. Oft gibt es nicht einmal einen Randstreifen. Ich werde mir sehr bald meinen Weg durch die Wetterau über Äcker und Felder suchen, fruchtbaren Boden, den schon die Römer mit dem Limes umzäunten, um mit den Ernten von dort die Legionen bei Mainz zu ernähren. Und es ist noch nicht lange her, da kamen im Herbst die Bauern dieses Landstrichs mit ihren Traktoren in die Frankfurter Innenstadt gefahren, parkten in den Wohnstraßen, läuteten mit einer Glocke und boten mit dem derben, leicht gutturalen Zungenschlag der Gegend „Kartoffeln! Schöne Wetterauer Kartoffeln!“ an, die sie direkt vom Anhänger herunter verkauften.

Noch aber bin ich in Gießen. Die Frankfurter Straße ist gesäumt von kleinen Läden und riesigen Plakaten, darunter eines der Firma Otto Bock, von der man sagt, sie stelle die schönsten Prothesen der Welt her. Auf dem Bild steigt eine elegant gekleidete Frau mit silberblondem Haar aus einem teuren, schwarzen Wagen, ihr eines Bein besteht bloß aus ein paar Plastikschienen, und ich frage mich, ob ihr Gang wohl auch „etwas einseitig“ ist. An einer geschlossenen Tankstelle wirbt etwas später auf einem Bild eine splitternackte junge Frau, die aussieht, als sei sie Stammkundin bei „Clabelle“, für die Party zum siebten Geburtstag von „Erotic Island“ - mit „Grillen im Außenbereich“ und der Verlosung einer „halben Stunde privat mit Kitty Core“. Da hätte sicher auch Georg Büchner etwas genauer hingeschaut, er, dem die biedermeierlich-kleinstaatliche Enge des Großherzogtums ein Greuel war und der die bürgerliche Moral als Mittel der Unterdrückung begriff. „Endlich sahen wir nicht ein, warum wir nicht eben so gut zwischen zwei Bettüchern bei einander liegen, als auf zwei Stühlen neben einander sitzen durften“, lässt er Marion in „Dantons Tod“ sagen.

Ein Lindenbäumchen, zart und klein

Ansonsten säumen zwischen Gründerzeithäusern Bäckereien, Lokale und Schnellimbisse die Frankfurter Straße, vermutlich für den studentischen Teil der Bevölkerung. Gießen ist Universitätsstadt. Die Plastikfassaden und Allerweltslogos dieser Läden stehen im krassen Gegensatz zu dem ausgefallenen Angebot: Pastinakencremesuppe, Kartoffelzwiebelbrot, leckere hessische Tapas. Hätte ich geahnt, dass es in Kleinlinden, Großen-Linden, Langgöns, Kirch-Göns und Pohl-Göns keine Gasthäuser gibt und schon gar keine, die an einem gewöhnlichen Werktag mittags geöffnet haben, vielleicht wäre ich eingekehrt. Oder hätte etwas mitgenommen, auf die Hand. Im Rucksack hatte ich nicht einmal eine Tüte Gummibärchen. Wer denkt das denn auch: zu verhungern im Großraum Frankfurt.

Und dann, fast wie im Märchen, tat sich gut eine Stunde später oder vielleicht auch knapp zwei direkt am Weg eine Art Vorratskammer auf, wie ein Obstladen mitten in der Natur: zwei Dutzend Apfelbäume in langer Reihe, jeder eine andere Sorte, jede auf einem Täfelchen benannt und beschrieben. Manche Bäume hingen so voll, dass sich die Äste bogen: Heuchelheimer Schneeapfel, Goldparmäne, James Grieve und so weiter. Nur Kaiser Wilhelm war nicht „leicht stippig“, wie beschrieben, sondern stark verschimmelt. Und Ingrid Marie, „für rauhe Lagen“, fühlte sich in der Wetterau offensichtlich gar nicht wohl. Da ragte nur ein abgesägtes Stämmchen in die Höhe. Vielleicht ist die Wetterau für Ingrid Marie nicht rauh genug.

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