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Mit Georg Büchner unterwegs : Und so wanderte ich in der lieblichen Kühle

Ich bleibe erst einmal in Gießen und betrachte die Auslage des kleinen Ladens „Clabelle“ gleich am Anfang des Selterswegs, der Fußgängerzone im Zentrum der Stadt, die sich in der Eigenwerbung „Boulevard der Marken“ nennt und deren Logo ein Flaneur im Gehrock ist. „Clabelle“ ist ein Piercing-Studio. Im Schaufenster liegen „Silicontunnel“ in vielerlei Farben und Größen. „Wir dehnen auch“, steht auf einem Schild. Ein anderes weist auf einen separaten Raum für diskrete Behandlungen hin. Subdermal, ohne Termin, mit Betäubung. Als ich ein paar Notizen mache, kommt eine junge Frau aus dem Laden und fragt, ob sie helfen könne. Ich frage nach den Tunneln und an welcher Stelle sie eingesetzt werden. Über die diskrete Behandlung traue ich mich nicht zu reden. Dafür lasse ich den Namen Büchner fallen. Der käme ihr vertraut vor, sagt die junge Frau, aber ganz genau wisse sie nicht, wer das sei. Dann geht sie zurück zu ihren Werkzeugen.

Schöne Wetterauer Kartoffeln!

Georg Büchner hatte dort gewohnt, wo jetzt das Piercing-Studio untergebracht ist. Das Haus ist heute ein anderes, so wie es auch das Selterstor nicht gibt, sondern nur dessen Namen auf dem Stadtplan, keine hundert Meter von Büchners Adresse entfernt. Dort hatte man am Nachmittag des 1. August 1834 Karl Minnigerode festgenommen, der 139 Exemplare des „Hessischen Landboten“ bei sich hatte, der Flugschrift, in der Georg Büchner und Friedrich Ludwig Weidig unter dem Kampfaufruf „Friede den Hütten! Krieg den Pallästen!“ die sozialen Missstände der Zeit kritisierten und mit der sie die Bevölkerung für ihre Oppositionsbewegung mobilisieren wollten. Minnigerodes Ausflüchte, er sei damit auf dem Weg zur Polizei gewesen, um Anzeige zu erstatten, nahm man ihm nicht ab. Zumal er einen großen Teil der Pamphlete ins Futter seines Mantels eingenäht hatte. Die Nachricht von der Festnahme verbreitete sich rasch. Was sie bedeutete, war augenblicklich klar: Es musste einen Verräter geben. Deshalb die Eile. Büchner musste so schnell wie möglich nach Butzbach, um dort die anderen Oppositionellen der gemeinsamen Geheimorganisation zu warnen, Friedrich Ludwig Weidig und Carl Zeuner - dann weiter nach Offenbach, wo bei Carl Preller die Druckplatten lagen. Jetzt waren alle in Gefahr.

Wolken hängen düster und schwer über der Stadt. Es regnet. „Das muss ja ein Vergnügen sein bei dem Wetter! Das sind doch gefühlt höchstens 8 Grad“, erreicht mich eine SMS von Sylvia, einer Freundin, die sich immer wieder gern über meine Wanderungen bei schlechtem Wetter lustig macht. Die Temperaturanzeige über dem Eingang einer Sparkasse ist freundlicher: Dort werden 12,3 Grad angegeben. Schöner allerdings wäre Gießen vermutlich auch bei Sonnenschein nicht. Das Selterstor von heute ist eine Fußgängerüberführung aus Beton von gigantischen Dimensionen. Ihrer drei runden Aussparungen wegen gilt sie manchen als großartiges Werk der Moderne. Die Bevölkerung nennt sie lakonisch: Elefantenklo.

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