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Mein Lieblingsort (1): Heidelberg : Hier war ich glücklich, liebend und geliebt

Mythos Heidelberg Bild: dpa

Wer sein Herz in Heidelberg verloren hat, der muss nicht lange danach suchen. Auf einem Spaziergang durch Heidelberg mit seinen vielen Auf und Abs erlebt man eine Stadt, die allen Besucheranstürmen zum Trotz ihren kleinteiligen Charme bewahrt hat.

          5 Min.

          Neulich mit zwei Freunden beim Essen in Frankfurt. Der eine, Brasilianer, studierte in Heidelberg, arbeitet nun in Frankfurt. Der andere, aus Südbaden, studierte in Heidelberg, ging nach New York und wohnt nun in Berlin. Sie kannten sich nicht. Wir sprachen über dies und das, kamen auf Heidelberg, sprachen über Kneipen und Cafés, als der eine dem anderen und der andere dem einen immer bekannter vorkam. Am Ende stellte sich heraus, dass sie vor anderthalb Jahrzehnten Stunden, Tage, womöglich Wochen gemeinsam zugebracht hatten, im Fischers an der Alten Brücke, in der Max Bar am Marktplatz. Alte Namen kamen hoch, blasse Erinnerungen. Beide konnten sich an eine Wohnung in der Hauptstraße erinnern, in der sie ein und aus gingen. Der eine kümmerte sich um die Katze, wenn die Bewohnerin auf Reisen war, der andere kümmerte sich um die Mitbewohnerin.

          Alfons Kaiser
          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Die Welt ist klein, und Heidelberg ist noch kleiner. Wir hätten noch lange zusammensitzen können. Denn wer sein Herz in Heidelberg verloren hat, der muss nicht lange danach suchen. Aber wir mussten weiter. Und so geht es wohl den meisten, die in Heidelberg studiert haben: Sie erinnern sich gern, aber kurz, und zurück kommen sie selten - die alten Kommilitonen sind ja auch meist fortgezogen. Die Erinnerung verkitscht dann mit der Distanz der Jahre und Kilometer.

          Where is the Schlob?

          Es sind viele, denen es so geht: Wenn man die etwa fünfundzwanzigtausend Studenten der Stadt hochrechnet, dann haben hier seit dem Ende des Kriegs Hunderttausende ihre schönsten Jahre verbracht. Und wenn man weiß, wie viele amerikanische Soldaten mit ihren Familien vorübergehend draußen im Mark Twain Village und im Patrick Henry Village gelebt haben, dann kann man auch erahnen, warum die Amerikaner das gute alte Europa gerne anhand von Heidelberg verklären. Die Heidelberger wiederum wehren sich mit Witzen gegen die Vereinnahmung. „Where is the Schlob?“ sei eine wiederkehrende Frage der Besucher, weil sie das „ß“ nicht lesen können. Und weil die Amerikaner die ganze Gegend für eine Art Disneyland halten, so die Fama, fragen sie: „Is the Black Forest open today?“

          Altstadt von Heidelberg: „Is the Black Forest open today?”
          Altstadt von Heidelberg: „Is the Black Forest open today?” : Bild: AP

          Lauter Verklärungen. Man sollte also zurückkehren an den Ausgangspunkt. Ein Tag reicht, und man hat sein Herz schon wieder verloren. Der Spaziergang führt uns von außen in einem großen Bogen ins Zentrum. Er beginnt in Neuenheim, dem Stadtteil, der am Neckar gegenüber der Altstadt liegt. Die Neuenheimer Landstraße verbindet Heidelberg mit den Orten der Bergstraße: Neuen-, Handschuhs-, Dossen-, Wein-, Heppen- und Bensheim. Aber der Weg geht Richtung Neckartal. Man sucht den Beginn des Philosophenwegs am Fuß des Heiligenbergs, steigt hinan - und hofft, dass die Kommission der Unesco, die Heidelberg den Titel „Weltkulturerbe“ vergangene Woche wieder einmal zu Unrecht nicht zuerkannt hat, beim nächsten Mal diesen beschwerlichen Gang auf sich nimmt, hoch auf den Berg, vorbei an den Instituten der Physik und den Villen mit dem schönen Blick, bis sich nach rechts eine preiswürdige Aussicht eröffnet.

          Die Stadt hat, man darf sagen, etwas Ideales

          Von links windet sich der Neckar aus dem Odenwald ins Bild, rechts fließt er hinaus in die Rheinebene. Gegenüber wacht die Schlossruine über der Altstadt, die fast jeden Quadratmeter der schmalen Neckarebene besetzt und sich bis an die steilen Hänge des Königstuhls gegenüber klammert. Das Schloss, bei schlechtem Wetter effektvoll in Nebel gehüllt, wirkt auch deshalb so mächtig, weil die Häuser der Stadt so winzig aussehen. Die Fronten des Kurfürst-Friedrich-Gymnasiums, der Stadthalle und des Marstalls, in dem Mensa, Café und Studentenwerk untergebracht sind, begrenzen die Altstadt zum Fluss. Ihr Repräsentationsgebaren lässt kaum erahnen, wie mittelalterlich eng viele alte Häuser dahinter sind. „Die Stadt, in ihrer Lage und mit ihrer ganzen Umgebung“, schrieb Goethe, „hat, man darf sagen, etwas Ideales.“

          Geschlossen ist das Bild aber nicht, vielleicht hat das die Unesco gestört. Das Institut für Klassische Archäologie hinter dem Marstall sieht aus, als hätte ein wütender Junge einen dicken dunklen Legostein in die allzu friedliche Puppenstube geschlagen. Und die Triplex-Mensa samt den Instituten gleich rechts vom Universitätsplatz ist den Vorstellungen von Planern entsprungen, die mit der Bautradition ringsum nicht viel anfangen konnten. Beim Blick hinunter vom Philosophenweg erkennt man den höheren Sinn der Bausünden inmitten der sandsteinroten Baudenkmäler. Die Rechts-, Sozial- und Geisteswissenschaftler der Universität - die Naturwissenschaftler sind ins Neuenheimer Feld ausgelagert - haben sich in den sechziger und siebziger Jahren in der Altstadt immer breiter gemacht. Und der Mythos Heidelberg speist sich schließlich aus dem Gegensatz von topographischer Enge und geistiger Weite.

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