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Luftfahrt : Das Leben geht weiter - doch nur, wenn wir wollen

  • -Aktualisiert am

Gewinner der Krise? Ryanair lockt mit Billigangeboten. Bild: ddp

Schockstarre, Krisengewinner und Flughafenpoker: Wer am Himmel überlebt den Winter? Die Luftfahrt in Zeiten der Angst, das Vertrauen der Passagiere in die Zukunft zu verlieren.

          8 Min.

          Dies ist kein Freudentag. Was ist mit der stolzen Luftfahrt geschehen, dem Menschheitstraum, der vor hundert Jahren in Erfüllung ging? Endet jetzt alles? Ist es vorbei mit dem Fortschrittsglauben, und der Rückbau unserer Zivilisation beginnt? Heute wird der Flughafen Berlin Tempelhof, der erste Verkehrsflughafen der Menschheitsgeschichte, geschlossen und für immer aus den Karten der Fliegerei gelöscht. In Frankfurt dagegen drohen plötzlich neue Hindernisse für den längst genehmigten Ausbau des Flughafens RheinMain, des größten Umsteigeflughafens der Welt, Drehkreuz Europas, Kraftzentrum der Region und mit mehr als siebzigtausend Angestellten der größte Arbeitgeber Deutschlands. Und wie ein unheilvolles Menetekel starrten uns vor ein paar Tagen überall die zombiehaften Ganzkörperfotos von Passagieren im neuen Nacktscanner der Sicherheitskontrolle an.

          Wäre es doch wieder Sommer, als nur Klimadebatte und Ölteuerung die Luftfahrt bedrängten. Das ist schon vergessen im Strudel der Finanzkrise, die die reale Welt erfasst hat und damit das Reisen und als Erstes das Synonym unserer Mobilität, die Luftfahrt. Die Zahl der Flugpassagiere sinkt, zunächst bei den Geschäftsreisenden, British Airways und Lufthansa verzeichnen Rückgänge in den renditeträchtigen Business- und Firstclass-Abteilen. Die deutschen Ferienflieger, ob Air Berlin, Condor, Germanwings oder Tuifly, sind öffentlich verstummt. Alle Fusionsplanspiele liegen wieder in der Schublade. Fluggesellschaften und Flughäfen stellen sich auf Umsatzeinbußen ein, Airbus bremst den Produktionszuwachs, Boeing muss das nicht, dort besorgt das ein Streik. Fast dreißig Fluggesellschaften gingen in diesem Jahr schon in Konkurs, weil sie ihre Treibstoffrechnung nicht bezahlen konnten, bis Jahresende könnten noch einmal so viele dazukommen, schätzt der Lobbyverband International Air Transport Association. Wie hart die Einbrüche noch ausfallen, kann erst der kommende Winter zeigen. Allein der Ölpreis weckt etwas Zuversicht.

          Verheerender Preiskrieg

          Doch das ist nur die eine Seite der Wahrheit. Nicht alle Hiobsbotschaften haben mit der Finanzkrise zu tun. Viele der Pleiten sind Folge der traditionellen Überkapazitäten am Himmel. Eine Fluggesellschaft zu gründen ist einfach sexy, das zieht alle möglichen Zocker an und ist dann Grund für verheerende Preiskriege, die nicht jeder besteht. Bei den Flughäfen Frankfurt und Tempelhof geht es im Moment ausschließlich um Parteipolitik - und um ideologische Träume. Wenn auch der Duft der großen weiten Welt in der Fliegerei verflogen ist, so sind doch die starken Gefühle geblieben, die die Luftfahrt von Anbeginn im Guten wie im Bösen begleiten. Was allein das Thema "Flughafen" und "Berlin" seit dem Fall der Mauer an Emotionen aufwühlt, ist in Hunderten von Artikeln nachzulesen und hat bis heute nicht geendet.

          Wohin treibt die Luftfahrt? Der Flughafen Berlin-Tempelhof ist ab heute Geschichte.
          Wohin treibt die Luftfahrt? Der Flughafen Berlin-Tempelhof ist ab heute Geschichte. : Bild: dpa

          Heute wird Tempelhof geschlossen. Und daran ist die unselige Debatte um den Bau des neuen Hauptstadtflughafens Berlin-Brandenburg International schuld, das jahrelange Hickhack von Interessengruppen über den Standort. Neunzehn Jahre nach der Wende ist Berlin luftverkehrstechnisch noch immer ein Sackbahnhof in der Provinz. Wer von hier aus mit einem Linienflug in die weite Welt will, landet meist erst einmal in Frankfurt oder in München, in London oder Amsterdam.

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