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Literarisch unterwegs : Von Wegen

  • -Aktualisiert am

Wegbereiter: Der Jean-Paul-Weg führt durch die Landschaft Oberfrankens. Bild: Reinhard Feldrapp

Dürrenmatt, Twain und natürlich Goethe: Fast jeder Schriftsteller hat irgendwo seinen Wanderweg. Auch wenn einige ziemlich herbeigedichtet sind.

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          Mark Twain konnte einfach nicht anders. Da hatte er bei seinem Aufenthalt in Zermatt 1878 so viel und oft in Bergbüchern geschmökert, über wagemutige Alpinisten und von deren halsbrecherischen Unternehmungen gelesen, dass auch er selbst einmal so ein alpines Abenteuer erleben wollte. In die Quere kam Twain nur, dass sein bergsteigerisches Geschick so weit nicht reichte.

          Dafür war er ein großer Erzähler von Abenteuergeschichten. Was er nicht selbst erleben konnte, träumte er sich in seinem Kopf zusammen. Noch heute ist das nachzulesen in seiner Erzählung „Ich besteige den Riffelberg“. Während der durchschnittliche Wanderer etwa drei Stunden braucht, um von Zermatt aus auf den Riffelberg zu kommen, nahm Twains Expedition sieben Tage in Anspruch. Ein bisschen dick aufgetragen hat der Amerikaner schon. 154 Teilnehmer umfasste die Tour, darunter 17 Bergführer und drei Geistliche. Dazu kamen 51 Tiere. Mit dabei hatten sie 22 Fässer Whiskey, 27 Fässchen Opiumtinktur, fünf Kisten Dynamit und sieben Kanister Nitroglyzerin.

          Auf Dichterpfaden wandeln

          Die Berge und die vielen Geschichten, die sich darum ranken, wirkten außerordentlich inspirierend auf Mark Twain, und der wiederum inspirierte mit seiner Schilderung die Tourismusverantwortlichen, die den großen Schriftsteller ungefragt zum Werbeträger machten. In Zermatt gibt es nämlich in Erinnerung an den berühmten Gast einen Mark-Twain-Weg.

          Aber auch am Vierwaldstättersee gibt es einen Mark-Twain-Weg. Der führt von Weggis nach Rigi Kulm. Und gesäumt wird er von acht Infotafeln, auf denen es natürlich Twain zu lesen gibt. Ein Beweis, dass er tatsächlich vor Ort war. Und der zarte Hinweis, dass der Wanderer heute doch bittschön auch Begeisterung versprühen soll, wenn schon der große Autor so begeistert war.

          Neue Wege mit App

          Insgesamt wird man den Eindruck nicht los: Wo einmal ein Schriftsteller einen Fuß vor die Tür gesetzt hat, setzen ihm Touristiker irgendwann ein Wanderweg-Denkmal. Im Emmental gibt es seit 2008 einen Weg, der an Friedrich Dürrenmatt erinnert, weil er dort seine Jugendjahre verbrachte. Eine Smartphone-App mit Interviews und Erzählungen von Dürrenmatts Weggefährten gibt es auch schon dazu.

          Das Phänomen dieser erlesenen Wege beschränkt sich aber nicht nur auf die Schweiz. Adalbert Stifter etwa lockt auf das Rosenberger Gut und den dortigen Adalbert-Stifter-Litera-Tour-Weg. Auf dem Gut tief im Bayerischen Wald, wo es nur noch Bäume und die tschechische Grenze gibt, hatte sich auch Stifter mehrfach einquartiert. Als Animateur hätte er aber nur mäßigen Erfolg gehabt. Buchstäblich vom Hocker reißen seine harmlosen Biedermeier-Erzählungen den Leser gewiss nicht. Aber Stifters hübsche Landschaftsbilder, das muss man ihm lassen, beeindrucken auch heute noch.

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