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Kulturhauptstadt 2010 : Potsdam - Preußen, Beverly Hills und die DDR

Das Neue Palais in Potsdam Bild: dpa

"Der Rest der Welt kann ja sein, wie er will, aber hier in Potsdam haben wir eine Verpflichtung der Schönheit gegenüber", sagt Wolfgang Joop, Sohn der Stadt, wohnhaft in aller Welt.

          Villen, Wälder und Seen hat Berlin auch, sogar das ein oder andere Schloß, und doch  gerät der Berliner in eine komplett andere Zone, sobald er, von der Zehlendorfer Königstraße her kommend, den Schinkelschen Aussichtspavillon mit aufgesetztem Lysitrates-Denkmal passiert und über die Glienicker Brücke, rechts der Jungfernsee, links der Tiefe See, Potsdam betritt. Es ist die Zone der Schönheit.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          "Der Rest der Welt kann ja sein, wie er will, aber hier in Potsdam haben wir eine Verpflichtung der Schönheit gegenüber." Dies hat ein Mann gesagt, dessen Geschäft sogar die Schönheit ist: der Mode-Designer Wolfgang Joop, der in Monte Carlo, New York, Paris und Hamburg lebt - und eben auch in Potsdam, wo er geboren ist und heute mehrere Villen besitzt. Um zu demonstrieren, daß in Potsdam die Wurzeln seines "Stilempfindens" liegen, hat er eine eigene Duftnote namens "rococo" kreiert.

          Hart und glänzend wie ein Diamant

          Joop ist der Prototyp jener virtuellen Globalgesellschaft, Abteilung Deutschland, die man aus den Medien kennt und die in Potsdam, vorwiegend am Heiligen See, ein Domizil hat: Günther Jauch (RTL), Friede Springer (Springer), Mathias Döpfner (Springer), Nadja Auermann (Star!), Volker Schlöndorff (Film, Babelsberg!), Ulrich Meyer (Sat 1), Wolfram Weimer (Cicero), Wolf Bauer (UFA), auch eine Reihe Zahnärzte und Neurochirurgen, die man nicht aus den Medien kennt, die aber an deren Aura Anteil haben.

          Der Weg über die Glienicker Brücke führt in eine andere Welt

          Diese Menschen könnten in ihrer allseitigen Vernetztheit überall leben, und wenn sie es hier tun, dann weil sie hier unmittelbar zur Schönheit sind, als deren Inbegriff sie Potsdam schätzen. "Sein wahrer Kern ist hart und glänzend wie ein Diamant", sagt Joop: "unzerstörbar in seiner fragilen Schönheit und Poesie. ,Potsdam, mon amour!'" Wenn Joop, so wird überliefert, amerikanische Freunde durch die Stadt führt, staunen diese: "This is not Germany." Nein, dies ist, so betrachtet, noch nicht einmal eine "Stadt" im landläufigen Sinn.

          Nicht nur für die Anwohner

          Es liegt auf der Hand, daß eine solche Existenz im Angesicht von Abstraktionen jederzeit mit der dann doch irgendwie vorhandenen Stadt und deren empirisch faßbarer Bevölkerung zusammenstoßen kann. Diese Bevölkerung ließ es sich zum Beispiel bislang nicht nehmen, in den Gärten und Seen, deren sorgsam arrangierte Schönheit von der Unesco 1990 als "Weltkulturerbe" beglaubigt wurde, herumzulaufen, zu picknicken und zu baden, manche sogar nackt. Etwa siebzig der am Heiligen See siedelnden Villenbesitzer schlossen sich daher zu einer Bürgerinitiative zusammen, um solchem Treiben Einhalt zu gebieten, das den Blick auf Marmorpalais, Belvedere und Schloß Cecilienhof doch erheblich behindert.

          Ihr Argument gegen das nicht besitzende Volk war letztlich die Schönheit. Sie verstanden sich als Anwälte der Natur wie der Kultur, die von Menschen, die dafür so viel bezahlt haben, nun einmal besser geschützt werden könne als von beliebigen Passanten. "Wir wollen den Leuten erklären, daß der Garten ein Kunstwerk von Weltgeltung ist", sagt auch der (nicht der Initiative angehörende) Direktor des Neuen Gartens: "Und auf einem Gemälde latscht auch niemand umher." Einige der Villenbesitzer spielten sogar mit dem Gedanken, ihre im Grunde doch stillen, am Wochenende aber stark von Touristen frequentierten Straßen sperren zu lassen, wobei ihre Grundstücke eingezäunt und bewacht werden sollten. All diese Vorhaben stießen bei eingesessenen Potsdamern auf Unmut. Oberbürgermeister Jann Jacobs (SPD) wies das Ansinnen zurück, die Benutzung des Weltkulturerbes nur auf die Anwohner zu beschränken.

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