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Kroatien : Mit der roten Zora, auf immer und ewig

  • -Aktualisiert am

Der Garten der schönen Zlata

Kein Postdampfer legt mehr im Hafen an. Fiume heißt heute Rijeka. Motorboote, Ruderboote, Segelboote, Wassertaxis für Touristen liegen an der Mole, einige Kutter, die Fisch anlanden: Makrele, Sardelle, Seebarsch, Thunfisch ist nicht mehr in ihren Netzen. Das "Nehaj", das Hotel, in dem Kurt Held im Sommer 1940 abgestiegen war, heißt jetzt "Libra". Der Cilnicaplatz, Zentrum des alten Senj, der Platz mit dem Brunnen, in dem sich Zora und die anderen immer wuschen, ist ein Parkplatz. Das Rathaus, das Gebäude der Tabakfabrik, das Gymnasium, die Stadtmauer, das alles ist aber noch da. In dem Gebäude, in dem früher das Hotel "Zagreb" war, ist heute ein Restaurant. Der Garten mit der Brandmauer, in dem die schöne Zlata jeden Morgen frühstückte, existiert noch. Vorne steht das Haus, das ihrem Vater, dem Bürgermeister von Senj, gehörte.

Senj sei schon immer eine wilde Stadt gewesen, sagen die Bewohner. Wild die ganze Region, ungezähmt. Anders als Istrien im Norden, das situiert ist, zahm. Dort gibt es in den Städten noch Boulevards, die Titos Namen tragen. In Senj ist das undenkbar, obwohl Tito Kroate gewesen ist. Der Name Zvonimir, den der letzte König Kroatiens trug, ist dagegen gut, sagen die Senjer. Aber Doktor Franjo Tudjman, Dissident des Kroatischen Frühlings 1971 und erster Präsident der Republik, finden sie noch besser. Ein Mann des Widerstandes, ein Mann des Volkes, das gefällt den Menschen von Senj. Dass er in der Zeit Titos als Partisan kämpfte und als Kommunist und gegen die Ustascha, nennen sie jugoslawische Geschichte.

Schwere Vergangenheit

Die Senjer haben an der Vergangenheit zu tragen. Die Kommunisten, klagen sie, haben nichts in die Stadt investiert. Aus Kirchen machten sie Lagerhäuser, als Strafe dafür, dass Senj im Zweiten Weltkrieg faschistisch war. Und dort, wo man die tapfersten Uskoken zur Ruhe gebettet hat, bauten sie einen Parkplatz.

Bürgermeister Darko Nekic wundert sich. War Kurt Held nicht ein Kommunist? Nekic weist darauf hin, dass Ante Pavelic, der Anführer der faschistischen Ustascha, in einem Dorf in der Nähe aufgewachsen und von 1906 bis 1908 aufs Gymnasium von Senj ging. Pavelic verbündete sich mit Hitler und Mussolini, um sich seinen Traum von einem freien Kroatien zu erfüllen. Die Bewohner der Stadt haben ihn dabei unterstützt. Wie, fragt Nekic, wie konnte einem Menschen wie Kurt Held die nationalistische und aggressive Atmosphäre der Stadt gefallen? Wie konnte jemand wie er ein Buch über Senj schreiben? Zora, die Bande, das alles sei ja schön und gut. Aber keiner wisse schließlich, ob es das Mädchen wirklich gegeben habe. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts soll es in Senj Erwägungen gegeben haben, das Gymnasium in Ante-Pavelic-Schule umzubenennen.

Jeder wollte beim Film mitmachen

Nekic erzählt, dass Held damals mit seiner Frau, der Schriftstellerin Lisa Tetzner, in Senj war. Sie wollte Honorare für ihre Bücher eintreiben. Nur weil Held krank wurde, seien die beiden länger geblieben. Die Stadt, sagt er, habe sich immer als Ausnahme begriffen - immer habe sie sich widersetzt: den Türken, den Venezianern, der Königsdiktatur der Serben und Titos Kommunismus. Im Bürgerkrieg in den Jahren 1991 bis 1995 leistete sie gegen die Serben Widerstand. Die Front war nur dreißig Kilometer von Senj entfernt. Darko Nekic verabschiedet sich und verspricht einen Zora-Erlebnisweg, mit Schautafeln auf Deutsch und Englisch, anlegen zu lassen.

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