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Kormorane : Die Überfischer

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Bei Fischern unbeliebt: Der Kormoran Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Am Haff bei Danzig kommen sich Mensch und Kormoran ins Gehege: Die größte Brutkolonie der bisher geschützten Vögel schafft einige Probleme für die Anwohner. Die polnischen Fischer sehen sich gar in ihrer Existenz bedroht.

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          Es sind gar nicht die Vögel, die man zuerst sieht, wenn man sich der Kormoran-Kolonie nähert. Es ist der zerwühlte Waldboden: "Wildschweine", sagt Tomasz Mokwa von der polnischen Forschungsstelle für Ornithologie in Danzig. Die Allesfresser suchen unter den Nestern nach Fischabfällen und abgestürzten Küken, ihre Zahl hat genauso zugenommen wie die der Kormorane.

          Wenn der Biologe Mokwa Besucher zur Kormoran-Kolonie nahe Katy Rybacki (früher Bodenwinkel) führt, kommt er meist diesen Weg entlang. Die Frische Nehrung, eine fast 70 Kilometer langen Landzunge östlich von Danzig, umgeben von Haff und Ostsee, ist ein Vogel-Paradies. Eine der wichtigsten Zugvogel-Routen Europas führt über das Haff, von den bisher beobachteten 230 Vogelarten, die sich im Jahr an dem Gewässer aufhalten, nisten 55 Prozent auf oder nahe der Nehrung. Stochennester sind in den Dörfern im Weichsel-Delta nicht selten, sie thronen sogar auf Strommasten.

          Streit um die Beute

          Die Menschen dagegen fühlen sich in diesem Paradies nicht so wohl, besonders die Fischer. Wegen der Kormorane, die auf ihren Fischzügen bis zu 50 Kilometer ausschwärmen. Und auch auf die Behörden sind die Einheimischen wütend, weil sie den geschützten Vögeln und auch den Graureihern, die ebenfalls Fisch fressen, hier schon 1957 ein vier Hektar großes Refugium eingerichtet haben. Inzwischen ist es auf über hundert Hektar angewachsen: eine ständig wachsende Touristen-Attraktion.

          Bis zu einem halben Kilo Fisch verschlingt ein Kormoran jeden Tag

          Der Streit um die Beute zwischen Mensch und Vogel reicht bis ins späte 19. Jahrhundert zurück, als die preußische Regierung Soldaten dazu abkommandierte, Kormorane von den Bäumen zu schießen. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren die schwarzen Vögel dann so selten geworden, dass sie plötzlich Schutz genossen. Auch in der alten Bundesrepublik stand der Kormoran auf der ersten nationalen Roten Liste der gefährdeten Brutvogelarten. In manchen Bundesländern steht er dort noch immer.

          Mitteleuropas größte Brutkolonie

          Doch wie so oft, wenn der Mensch in ein Ökosystem eingreift, gerät vieles aus den Fugen. Denn ganz allmählich nahm der Kormoran auf der Frischen Nehrung überhand. Heute gilt das nach Fischfabrik riechende Kormoran-Schutzgebiet von Katy Rybacki als Mitteleuropas größte Brutkolonie. Rund 11.500 Brutpaare nisten hier - fast halb so viele wie in ganz Deutschland.

          Die örtlichen Fischer ärgert das. Denn bis zu ein Pfund Fisch kann ein ausgewachsener Kormoran jeden Tag vertilgen - allein die Elterntiere der Kolonie also etwa zehn Tonnen. Die etwa drei Kilo schweren Vögel fressen hauptsächlich Kaulbarsch, einem in der Ostsee und ihren Zuflüssen verbreiteten Brack- und Süßwasserfisch, und dann noch Plötze und Aalmutter. Am Speisefisch wie Barsch, Zander und Aal vergreift sich der Kormoran am Haff so gut wie gar nicht - sie machen jeweils nur wenige Prozent seiner Beute aus.

          Wer hat zuviel gefischt?

          Deshalb glaubt der Vogelkundler Mokwa denn auch, daß die Fischer selbst schuld daran seien, dass ihre Fänge zurückgegangen sind. "Sie haben das Haff überfischt, nicht der Kormoran", sagt Mokwa. Die Fischer hätten vor allem Jagd auf Raubfische gemacht, so habe ausgerechnet der Bestand jener Kleinfischarten zugenommen, die bei Kormoranen sehr beliebt sind. Reiche Nahrung für die Vögel bieten auch der Hering, der immer mal wieder an der Ostseeküste auftaucht - und die Schwarzmund-Gundel. Dieser Brackwasserfisch wurde über das Ballastwasser von Schiffen aus dem Schwarzen und Kaspischen Meer in die ganze Welt verschleppt, auch an die Küste der Nehrung.

          Doch auch wenn die Fischer über die Kormorane klagen - die Region verdient an ihnen, an den Vogelbeobachtern nämlich, die auf die Frische Nehrung kommen. "Jedes Jahr besuchen mehr Touristen die Kormoran-Kolonie", sagt Pawel Stepniewski, der Leiter des 44 Quadratkilometer großen Landschaftsparks Mierzeja Wislana ("Frische Nehrung"). Der Anblick der Kolonie ist allerdings gespenstisch und erinnert an Hitchcocks "Vögel", was sonst: überall tote oder sterbende Bäume - ein ganzer Wald, der aussieht wie nach einer Entnadelungsaktion. Und auf den kümmerlichen Ästen hocken die schwarzen Kormorane, die schuld sind am Waldsterben. Ihr Kot ist so ätzend, dass er die Nadeln schädigt und die Photosyntheseleistung der Bäume, also ihren Energieumsatz, empfindlich verringert. Selbst die Brennnesseln am Waldboden sind vom Kot befleckt. Und dann rupfen die Vögel auch noch Zweige von den Kiefern, um damit Nester zu errichten. Nicht immer gelingt das, weshalb der Boden im rund 150 Hektar großen Kormoranwald aussieht wie nach einem heftigen Sturm, so viel Kiefernreisig liegt umher.

          Der Klügere gibt nach - diesmal der Mensch

          Dort, wo Zweige aus den Kronen gerissen werden, verduften ätherische Öle. Ihre Terpene locken Borkenkäfer an, die dann den geschwächten Bäumen den Rest geben. "Es dauert etwa acht Jahre, bis ein mit Nestern besetzter Baum abgestorben ist", sagt Mokwa, "und weitere zwei Jahre kann der tote Baum dann noch das schwere Nest tragen". Deshalb werden die Kiefern etwa drei Jahre nach dem ersten Nestbau gefällt, um ihr Holz noch nutzen zu können. Ein kleiner, aber kein nachhaltiger Trost für die Förster - denn sind die Bäume erst einmal gefällt, ziehen die Kormorane einfach weiter auf gesunde Kiefern.

          Für den Ornithologen Tomasz Mokwa gibt es deshalb nur eine praktikable Lösung für den Konflikt zwischen Mensch und Tier: Der Klügere muss nachgeben - also der Mensch. Er muss die Fischerei so ändern und weniger Raubfische jagen, damit die Kormorane weniger Beute machen. Bis es soweit ist, rät der Biologe den Fischern, am wachsenden Zustrom von Vogelbeobachtern und Touristen zu verdienen: Führungen in die Kolonie abzuhalten, den Gästen Kost und Logis zu bieten. Womit der Vogelfreund Mokwa sicher keine gebratenen Kormoran-Schlegel meint.

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