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Kitzsteinhorn : Zehn Winter danach

Hier ist nicht woanders: Kapruns Pisten sind mit Warnschildern bestückt Bild: ddp

Rückkehr nach Kaprun: Ein Jahrzehnt nach der Gletscherbahn-Katastrophe geht das Skigebiet am Kitzsteinhorn auf Nummer sicher. Dahinter steckt keine Verdrängung, sondern ein wohlüberlegter Umgang mit der Vergangenheit.

          Woanders würde das alles vermutlich gar nicht auffallen: Die doppelte Seilführung über den Gondeln, die Feuerlöscher in der Bergstation, die Warnschilder auf den Pisten. Aber das hier ist nicht woanders, das hier ist Kaprun.

          Andreas Lesti

          Freier Autor im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seit genau zehn Jahren sind hier alle Sicherheitsvorkehrungen auch Symbole dafür, dass in der schönen weißen Schneewelt, die ab November zu verzaubern beginnt, immer auch Gefahren lauern. Am 11. November 2000 fing um 9.10 Uhr die Kapruner Gletscherbahn im Tunnel an zu brennen, und 155 Menschen, die auf dem Weg ins Skivergnügen waren, kamen ums Leben. Der Name Kaprun ist seither untrennbar mit der größten Katastrophe in der österreichischen Nachkriegsgeschichte verbunden. Am Donnerstag findet an der Gedenkstätte an der Talstation die Trauerfeier statt. Und an diesem Wochenende begann mit dem „White Start“ auf dem Kitzsteinhorn die neue, gutgelaunte Saison. Damit muss man erst mal umgehen. Kaprun hat gelernt damit umzugehen.

          Jeder erinnert sich an den Zeitpunkt des Unglücks

          Norbert Karlsböck, der Bürgermeister von Kaprun, sitzt auf einer Eckbank in der „Gletschermühle“, einem Restaurant auf 2500 Meter mitten im Skigebiet am „Kitz“, wie man hier sagt. Es ist das älteste Gletscherskigebiet Österreichs und setzte 1965, als es eröffnet hat, neue Maßstäbe. So auch 1974, als die Skifahrer erstmals mit einer Standseilbahn durch einen 3300 Meter langen Tunnel quer durch den Berg ins Skigebiet kamen. Kaprun und seine sogenannte „Alpenmetro“ waren der Stolz der Skination Österreich. Heute sind davon nur die vom Talboden zum Tunneleingang führenden Gleise der stillgelegten Bahn übriggeblieben. Schräg und traurig ragen sie in den Himmel. Heute bringen Gondeln die Touristen an der Oberfläche nach oben.

          AbgestecktesTerrain: Diese Snowboarderin landet Sekunden später sicher auf dem Boden

          Oben dagegen sieht man durch die Fenster des Restaurants hinaus auf die Pisten, es schneit und windet, und Schneeflocken, Skifahrer und Snowboarder wirbeln vorbei. Karlsböck ist seit zwölf Jahren Bürgermeister und kennt die Entwicklung des Skigebiets seit jenem Tag im November 2000 sehr genau. Nun sagt er: „Bei uns geht es heute um Freiheit, Lebensfreude und Sicherheit“, und man braucht nicht lange, um zu merken, dass das nicht nur drei Verdrängungsschlagwörter sind, sondern ein wohlüberlegter Umgang mit der Vergangenheit dahintersteckt. „Dieses Unglück war für uns ein traumatisches Ereignis“, sagt er, und deswegen müsse man irgendwie damit zurechtkommen.

          Der 11. November ist für Kaprun das, was der 11. September für New York ist: Jeder weiß genau, wo er zum Zeitpunkt des Unglücks war und was er gemacht hat. Viele haben Freunde und Angehörige verloren, und einige erzählen Geschichten darüber, dass sie selbst in jener Bahn nach oben fahren wollten, aber durch irgendwelche glücklichen Umstände verhindert waren. Und wer versuchte, die Katastrophe zu vergessen, der wurde durch Elfriede Jelineks Drama „In den Alpen“ oder den bis heute schwelenden Rechtsstreit wieder an Kaprun erinnert.

          Spezielles Lebens- und Sicherheitsbedürfnis

          „Aber die Katastrophe“, sagt Karlsböck und schaut hinaus ins Schneetreiben, „hat auch dazu geführt, dass in Kaprun positiv besetzte Dinge eine neue Wertigkeit bekommen haben.“ Man nehme das Leben seither bewusster wahr, lege mehr Wert auf Gastfreundschaft und das Bedürfnis, dass Wintersportler am „Kitz“ ihren Spaß haben. Allerdings ist dieser Spaß hier doppelt und dreifach gesichert, wie sonst kaum irgendwo in den Alpen. „Wir sind ja im wahrsten Sinne des Wortes ein gebranntes Kind“, sagt Karlsböck und fügt hinzu: „Ja, vielleicht hätte beim Gletscherjet auch eine einfache Seilführung gereicht. Aber das Bewusstsein aus der Historie ist nun mal da.“

          Zehn Jahre nach der Tragödie weitet sich dieses spezielle Kapruner Lebens- und Sicherheitsbedürfnis auch auf den Raum neben den Skipisten aus, auf das sogenannte Freeride-Terrain, das es heute in fast jedem Skigebiet gibt, weil das Fahren abseits der Pisten zum Trend geworden ist. In Kaprun allerdings folgt auch das freie Fahren einem Konzept.

          Mögliche Konsequenzen kann sich Kaprun nicht leisten

          Volker Hölzl steht auf seinen extrabreiten Tiefschneeskiern an der sogenannten „Infobase“ unweit der „Gletschermühle“ und erklärt die hier beschriebenen Freeride-Routen – sie heißen Ice Age, Westside Story, West Wing, Jump Run und Pipe Line – und alles, was es dabei zu beachten gilt, also welche Ausrüstung man benötigt und welche Gefahren drohen. Hölzl, der ursprünglich aus dem Nachbarort Zell am See kommt, hat das neue Konzept für Kaprun mitentwickelt und verwirklicht. „Mir ist aufgefallen, dass viele Skigebiete mit Tiefschneebildern werben, aber nicht darauf vorbereitet sind, dass immer mehr Gäste tatsächlich abseits fahren“, sagt er, während hinter ihm eine gelbe Lampe an der Tafel blinkt und die aktuelle Lawinengefahrenstufe anzeigt. Rechts davon kann man testen, ob die Lawinenverschüttetensuchgeräte auch wirklich funktionieren.

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