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Kameltheater : Locker vom Höcker

  • -Aktualisiert am

Nicht leicht zu dressieren: Kamele Bild: AFP

Fast 50.000 Besucher kommen jährlich, um sich die „beste Tiershow der Welt“ anzusehen. Herbert Eder macht Kamele zur Attraktion des österreichischen Kernhof und bietet dort einen liebevollen Zirkusauftritt ohne Peitsche und Geschrei an.

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          Der Chef trägt kurze Jeans und Gummistiefel, Sieben-Tage-Bart und Goldkette, als er in einem alten Puch Haflinger vorfährt, einem kleinen, für den bärengroßen Chef optisch zu kleinen Geländewagen, der einmal fürs österreichische Militär gebaut wurde. Morgen früh wird er mit dem offenen Wagen den felsigen Hang auf und ab rasen, vorwärts wie rückwärts, knapp vorbei an knorzigen Gebirgsbäumen. Schäferhund Aris, sonst immer auf der Laderampe, wird abspringen. Sicher ist sicher.

          Als ob der Chef, der begnadete Selbstdarsteller, es noch nötig hätte, zu zeigen, dass er schräg ist und verwegen, ein Naturbursche und Original. Mit seinem Puch Haflinger parkt er heute vor seinem Restaurant, geht hinein, wie er ist, in kurzen Jeans und Gummistiefeln, und ruft den Gästen „Mahlzeit“ zu. Immer wieder laut „Mahlzeit“. Von Tisch zu Tisch geht er so, Aris stets hinter sich, und wenn einer pikiert auf den großen Hund schaut oder gar ängstlich, dann sagt er: „Das ist doch nur der Postbote.“ Verstehen werden die Gäste das erst später. Der Chef ist nun mal der Typ Mann, der forsch drauflosplappert, ohne groß nachzudenken, der Typ auch, der einen sofort duzt, ohne dass man das seltsam findet.

          Der „Kamelflüsterer“ plappert vor der Show erst mal drauflos

          Ohne den Chef wäre kein Kamel in Kernhof, einem 250-Seelen-Dorf, etwa fünfzig Kilometer von St. Pölten entfernt, und ohne Kamel wäre hier kein Schwein. Fast 50.000 Besucher locken sie pro Jahr an, die Kamele und der Chef. Seine Angestellten nennen ihn so, nie beim richtigen Namen. Er selbst nennt sich „Don Camelo“. Die lokale Presse nennt ihn „Kamelflüsterer“. In Wahrheit heißt er Herbert Eder und ist ein Menschen- und Medienflüsterer.

          Die „beste Tiershow der Welt“ kündigt sein Prospekt an, „weltweit einmalig“, und so tauscht Eder die kurzen Jeans gegen einen rot-gelben Strampelanzug. In ihm betritt er die vertiefte Bühne seines „Kameltheater-Palasts“, einen Ort improvisierter Exotik mit Teppichen und aufgepinselten Palmen und einer Band aus zotteligen Stofftieren in Hawaiihemden, die Affen darstellen sollen, auch als Kamele durchgehen würden, vor allem aber an Alf erinnern, den Außerirdischen. Bis es losgeht mit dem Kameltheater, müssen die 270 Besucher auf der hölzernen Tribüne noch warten, lange warten, denn Eder plappert erst einmal drauflos und erzählt, wie es zu einem Kameltheater in Österreich kommen konnte, was eitel wirkt und selbstverliebt, aber je länger Eder plappert, desto klarer wird, dass der beste Teil der Show das Plappern vor der Show sein muss.

          Eder verkauft kauende Kamele als Weltsensation

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