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Italien : Rainiers legitime Erben

  • -Aktualisiert am

Wartet er auf Gäste oder auf Staatsgäste? Walter Ferrari, im Hauptberuf Außenminister und im Nebenberuf Wirt. Bild: Claus C. Reissig

Seborga, eine kleine Gemeinde nahe der Blumenriviera, hat sich im Jahr 1993 zum Fürstentum erklärt - das Vorbild Monaco mit seinem Herrscher liegt in Sichtweite.

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          Müde sieht IRomina Fanari aus, als sie die Schlüssel für das selbst ausgebaute Dachstudio ihres Bed & Breakfast überreicht. Wieder hat sie keinen Urlaub gehabt, der Jahreswechsel ist vorbei, die Seealpen im Hinterland des Minidorfes Seborga, in dem sie ihr "Antico Castello" betreibt, wären ideal gewesen, um wandern oder Ski fahren zu gehen. Obwohl keine Saison ist, brummt ihr kleiner Betrieb. Romina hat ein Luxusproblem, von dem viele Bewohner der benachbarten Bergdörfer nur träumen können: Vollbeschäftigung. Ständig klingelt das Telefon in ihrem kleinen Steinhäuschen, das sich eng zwischen die anderen Häuser des Dorfes schmiegt. Aus der ganzen Welt kommen Anfragen, sogar zu Weihnachten und zu Silvester, wenn nun wirklich nichts los ist in dem dreihundert Einwohner zählenden Dorf - doch gerade dessen Abgeschiedenheit zieht die Besucher an. Nur durch seinen Status unterscheidet sich Seborga von den Nachbargemeinden: Seborga ist ein Fürstentum, und wenn es nach den Menschen hier geht, genauso unabhängig wie Liechtenstein oder Monaco, das quasi zu Seborgas Füßen liegt.

          Seborga liegt auf der italienischen Seite der Grenze, über der sogenannten Blumenriviera, benannt nach den Zierblumen, die hier auf Feldern und in Gewächshäusern für ganz Europa gezogen werden. Es ist ein Riesengeschäft, aber nur mit den billigen Arbeitskräften zu schaffen, die mit ihren Familien aus dem armen Süden Italiens hierhergezogen sind. Unten am Wasser, wo im Blau des Mittelmeeres immer mehr Häfen für die mit Luxusyachten übersättigte französische Küste entstehen, liegen die günstigen Pensionen für die Busreisenden aus dem Norden Europas. Von den Bergdörfern im Hinterland sind die meisten komplett verlassen. Die Alten bleiben in den Bergen, in denen es kaum Arbeit gibt, die Jungen ziehen in die Städte, angelockt von Jobs und Geld.

          Status wie Monaco

          Dies wäre sicherlich auch das Schicksal von Seborga gewesen, wenn nicht der Blumenzüchter Giorgio Carbone das Dörfchen kurzerhand zum Fürstentum erklärt hätte. In dem Dorf nennt der Mann sich seitdem Giorgio I., Fürst von Seborga. Hinter ihm steht eine komplette Regierung, offiziell aber wird Seborga von dem amtierenden Bürgermeister verwaltet. Anerkannt ist die Mikronation nicht, in Rom werden die Unabhängigkeitsbestrebungen lediglich geduldet. Doch der Fürst fühlt sich im Recht: Obwohl das Königreich Piemont-Sardinien Seborga im Jahr 1729 kaufte, wurde das Dorf nach Giorgio Carbones Quellenrecherchen beim Wiener Kongress 1815 weder Sardinien zugeschrieben noch wurde das Fürstentum Seborga - das schon im Jahr 1079 eines gewesen sein will - als eigene Region bei der Gründung des italienischen Staates im Jahr 1860 aufgeführt. Deshalb, so folgerte der selbsternannte Fürst, sei Seborga auch nie Teil der seit dem Jahr 1946 bestehenden Italienischen Republik gewesen. Und damit sei der Status bestätigt, den Monaco seit langem innehat.

          Klein und beschaulich: Die Gemeinde Seborga

          Walter Ferrari, der tatsächlich Walter Ferrari heißt, betreibt ein Restaurant am Eingang des winzigen Ortes. Das einzige Auto steht direkt vor seiner Terrasse, dahinter beginnt die Fußgängerzone. Was in anderen Orten erst langwierige Verhandlungen erfordert, wurde hier quasi zwangsweise umgesetzt: Die Gässchen, die durch das Minifürstentum führen, sind so schmal, dass schon die seltenen Fußgänger aufeinander Rücksicht nehmen müssen, wollen sie sich beim Aneinandervorbeigehen nicht berühren. Zwischen den unverputzten Steinwänden steht muffige Luft, Sonne fällt in die meisten der Häuserfenster nur selten. Ferraris Restaurant "Il Principe" - "Der Fürst" - ist eines von dreien in Seborga. Bis auf ein paar Jugendliche, die sich in einer Ecke lümmeln, ist es jetzt in der Nebensaison verwaist. Gegenüber dem Restaurant liegt eine kleine Bar, von deren Terrasse man eine phantastische Aussicht aus fünfhundert Metern Höhe über die Mittelmeerküste hat.

          Bilder der Verstorbenen

          Im Sommer herrscht in Seborga seit der Ernennung zum Fürstentum im Jahr 1993 Goldgräberstimmung. Das Örtchen steht ganz oben auf der Ausflugsliste der Bustouristen, was auch daran liegt, dass neben dem offiziellen Fürstensitz eine Botschaft eingerichtet wurde. Besucher können sich einen - international natürlich nicht anerkannten - Pass ausstellen lassen und Postkarten mit Briefmarken des Fürstentums verschicken. Wer Kontakte mit dem Ausland herstellen möchte, kann dies beim Essen mit dem Außenminister tun: Walter Ferraris zweiter Job.

          Auf der kleinen Dachterrasse des "Antico Castello" spürt man das zweite Gesicht Seborgas. Es ist nicht nur ein Fürstentum, es ist auch der kleine Bergort geblieben, mit seinen streunenden Katzen, bellenden Hunden und den Menschen, die zwar vom Tourismus profitieren, aber einfach nur gern hier oben wohnen, weil sie das seit Generationen schon tun. Das alte Hemd, das vor dem Nachbarhaus an der Leine flattert, flattert wahrscheinlich schon seit Jahren dort. Die Dächer der Häuser sind mit groben Schindeln gedeckt, die Gräber auf dem Friedhof schmücken Blumen, und die in die Grabsteine eingelassenen Bilder der Verstorbenen erzählen Geschichten aus den vergangenen einhundertfünfzig Jahren. Aus Seborga ist bisher kein Disneyland geworden - zum Glück.

          Oldtimerclub zu Gast

          Um trotzdem noch mehr Menschen in das Örtchen zu locken, bemüht sich Fürst Giorgio I. geradezu rührend um Parallelen zum nahen Monaco und beschwört die kulturellen Ähnlichkeiten und das Jetset, das sich hier angeblich die Klinke in die Hand gibt, wenn regionale Maler ihre Werke in Ferraris Restaurant präsentieren. Tatsächlich gilt Seborga unter den Einwohnern von Nizza, Monte Carlo und San Remo immer noch als Geheimtipp, um dem Trubel dieser Städte zu entkommen. Kennern der Region sagt der Name des Fürstentums hingegen häufig nichts. Immerhin hat der Oldtimerclub aus dem nahen Menton Seborga schon zum Ziel seiner Ausflüge gemacht.

          Fred und Tracy haben ihren Wagen vor Ferraris Restaurant geparkt. Der luftgekühlte Motor des Porsche knistert, als er sich nach der kurzen Anreise vom Mittelmeer entspannt. "Monaco ist schön", sagt Fred, der mit seiner Frau aus Großbritannien zum Geldverdienen an die Côte d'Azur gekommen ist. "Aber es gibt fast kein Hinterland, in dem man ruhig den Feierabend verbringen kann." Das Fürstentum auf der italienischen Seite gehört daher zu ihren bevorzugten Ausflugszielen. Auch der Wagen würde sich freuen, dass er nach den Staus an der Küste einmal richtig durchstarten könne - für die dreißig Kilometer lange Strecke nach Seborga braucht er zwanzig Minuten. "Monaco ist wie Plastik. Das hier ist dagegen das pure, einfache Leben", sagt Fred. Bis Seborga zu seinem großen Vorbild Monaco aufgeschlossen hat, wird das vermutlich auch so bleiben. Aber der Fürst arbeitet daran.

          Anreise: Mit dem Flugzeug nach Nizza, von dort aus am besten mit einem Mietwagen weiter über die Küstenautobahn A10, Abfahrt Bordighera. Die Entfernung von Monaco nach Seborga beträgt ungefähr dreißig Kilometer.

          Übernachtung: Es gibt zahlreiche Hotels in den Küstenorten Monaco, Menton und Nizza. In Seborga empfiehlt sich das Bed & Breakfast Antico Castello von Romina Fanari direkt im Zentrum. Das Dachstudio mit Dachterrasse kostet pro Person dreißig Euro pro Nacht. Antico Castello, Via Vicolo Chiuso 22, I-18012 Seborga, Telefon: 0039/320/5739555, E-Mail: antico-castello.r@libero.it

          Essen und Trinken: In Seborga gibt es drei kleine Restaurants. Das Restaurant "Il Principe" wird von Außenminister Walter Ferrari geführt. Auf keinen Fall sollte man von der Terrasse aus den Sonnenuntergang über der Côte d'Azur verpassen.

          Informationen: Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt, Neue Mainzer Straße 26, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/237434. Auskunft über die Bestrebungen von Fürst Giorgio I. gibt die Internetseite www.proseborga.com.

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