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Italien : Rainiers legitime Erben

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Klein und beschaulich: Die Gemeinde Seborga

Walter Ferrari, der tatsächlich Walter Ferrari heißt, betreibt ein Restaurant am Eingang des winzigen Ortes. Das einzige Auto steht direkt vor seiner Terrasse, dahinter beginnt die Fußgängerzone. Was in anderen Orten erst langwierige Verhandlungen erfordert, wurde hier quasi zwangsweise umgesetzt: Die Gässchen, die durch das Minifürstentum führen, sind so schmal, dass schon die seltenen Fußgänger aufeinander Rücksicht nehmen müssen, wollen sie sich beim Aneinandervorbeigehen nicht berühren. Zwischen den unverputzten Steinwänden steht muffige Luft, Sonne fällt in die meisten der Häuserfenster nur selten. Ferraris Restaurant "Il Principe" - "Der Fürst" - ist eines von dreien in Seborga. Bis auf ein paar Jugendliche, die sich in einer Ecke lümmeln, ist es jetzt in der Nebensaison verwaist. Gegenüber dem Restaurant liegt eine kleine Bar, von deren Terrasse man eine phantastische Aussicht aus fünfhundert Metern Höhe über die Mittelmeerküste hat.

Bilder der Verstorbenen

Im Sommer herrscht in Seborga seit der Ernennung zum Fürstentum im Jahr 1993 Goldgräberstimmung. Das Örtchen steht ganz oben auf der Ausflugsliste der Bustouristen, was auch daran liegt, dass neben dem offiziellen Fürstensitz eine Botschaft eingerichtet wurde. Besucher können sich einen - international natürlich nicht anerkannten - Pass ausstellen lassen und Postkarten mit Briefmarken des Fürstentums verschicken. Wer Kontakte mit dem Ausland herstellen möchte, kann dies beim Essen mit dem Außenminister tun: Walter Ferraris zweiter Job.

Auf der kleinen Dachterrasse des "Antico Castello" spürt man das zweite Gesicht Seborgas. Es ist nicht nur ein Fürstentum, es ist auch der kleine Bergort geblieben, mit seinen streunenden Katzen, bellenden Hunden und den Menschen, die zwar vom Tourismus profitieren, aber einfach nur gern hier oben wohnen, weil sie das seit Generationen schon tun. Das alte Hemd, das vor dem Nachbarhaus an der Leine flattert, flattert wahrscheinlich schon seit Jahren dort. Die Dächer der Häuser sind mit groben Schindeln gedeckt, die Gräber auf dem Friedhof schmücken Blumen, und die in die Grabsteine eingelassenen Bilder der Verstorbenen erzählen Geschichten aus den vergangenen einhundertfünfzig Jahren. Aus Seborga ist bisher kein Disneyland geworden - zum Glück.

Oldtimerclub zu Gast

Um trotzdem noch mehr Menschen in das Örtchen zu locken, bemüht sich Fürst Giorgio I. geradezu rührend um Parallelen zum nahen Monaco und beschwört die kulturellen Ähnlichkeiten und das Jetset, das sich hier angeblich die Klinke in die Hand gibt, wenn regionale Maler ihre Werke in Ferraris Restaurant präsentieren. Tatsächlich gilt Seborga unter den Einwohnern von Nizza, Monte Carlo und San Remo immer noch als Geheimtipp, um dem Trubel dieser Städte zu entkommen. Kennern der Region sagt der Name des Fürstentums hingegen häufig nichts. Immerhin hat der Oldtimerclub aus dem nahen Menton Seborga schon zum Ziel seiner Ausflüge gemacht.

Fred und Tracy haben ihren Wagen vor Ferraris Restaurant geparkt. Der luftgekühlte Motor des Porsche knistert, als er sich nach der kurzen Anreise vom Mittelmeer entspannt. "Monaco ist schön", sagt Fred, der mit seiner Frau aus Großbritannien zum Geldverdienen an die Côte d'Azur gekommen ist. "Aber es gibt fast kein Hinterland, in dem man ruhig den Feierabend verbringen kann." Das Fürstentum auf der italienischen Seite gehört daher zu ihren bevorzugten Ausflugszielen. Auch der Wagen würde sich freuen, dass er nach den Staus an der Küste einmal richtig durchstarten könne - für die dreißig Kilometer lange Strecke nach Seborga braucht er zwanzig Minuten. "Monaco ist wie Plastik. Das hier ist dagegen das pure, einfache Leben", sagt Fred. Bis Seborga zu seinem großen Vorbild Monaco aufgeschlossen hat, wird das vermutlich auch so bleiben. Aber der Fürst arbeitet daran.

Anreise: Mit dem Flugzeug nach Nizza, von dort aus am besten mit einem Mietwagen weiter über die Küstenautobahn A10, Abfahrt Bordighera. Die Entfernung von Monaco nach Seborga beträgt ungefähr dreißig Kilometer.

Übernachtung: Es gibt zahlreiche Hotels in den Küstenorten Monaco, Menton und Nizza. In Seborga empfiehlt sich das Bed & Breakfast Antico Castello von Romina Fanari direkt im Zentrum. Das Dachstudio mit Dachterrasse kostet pro Person dreißig Euro pro Nacht. Antico Castello, Via Vicolo Chiuso 22, I-18012 Seborga, Telefon: 0039/320/5739555, E-Mail: antico-castello.r@libero.it

Essen und Trinken: In Seborga gibt es drei kleine Restaurants. Das Restaurant "Il Principe" wird von Außenminister Walter Ferrari geführt. Auf keinen Fall sollte man von der Terrasse aus den Sonnenuntergang über der Côte d'Azur verpassen.

Informationen: Staatliches Italienisches Fremdenverkehrsamt, Neue Mainzer Straße 26, 60311 Frankfurt, Telefon: 069/237434. Auskunft über die Bestrebungen von Fürst Giorgio I. gibt die Internetseite www.proseborga.com.

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