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Italien : Morgengabe mit dreihundertfünfzig Zimmern

  • -Aktualisiert am

Ein Alptraum: Einen Besitz wie diesen, sagt Schlossherr Leonardo Facchinetti, wünscht er nicht einmal seinem Feind. Bild: Karl Mühlberger

Leonardo Facchinetti besitzt ein Schloss, genauer gesagt: Seine Frau besitzt ein Schloss in den Hügeln des Veneto. Aber was macht man damit? Ein Besuch im Catajo.

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          Er sei hier nur der Pförtner, sagt Leonardo Facchinetti, grinst und winkt mit einem großen, leicht verrosteten Schlüssel. "Mir gehört nichts, ich bin der Diener, mehr nicht."

          Der Schlüssel sucht das Schloss. Ein Ruck, und das Tor springt auf. Blinzeln, Staunen. Alltag ist andernorts, hier wohnen die Bilder in Hochglanz. Ein nicht enden wollender Park und darin ein Palast mit dreihundertfünfzig Zimmern, für fast jeden Tag des Jahres eines. Ein Triumphbogen weist den Weg ins Schloss, in einen ausladenden Innenhof, den Cortile dei Giganti, glanzvolle Kulisse für Konzerte und Festivitäten. Eine Freitreppe mit flachen Stufen, die auch für Pferde gangbar sind, zieht hinauf zu den Terrassen, die sich nach mehreren Himmelsrichtungen hin öffnen. In ihrem Rücken die Prunkräume des Castello. In sechs Sälen hat Giovanni Battista Zelotti, ein Schüler von Paolo Veronese, gearbeitet und ein Meisterwerk an Fresken hinterlassen.

          Mammutbäume aus Amerika

          Ungezählte Gänge führen durch die Zimmerfluchten zu weiteren Atrien und Loggien und einer Kapelle. Von den Fenstern und Terrassen aus eine prachtvolle Fernsicht: auf den Monte Ceva, die Wege des Canale Battaglia, die Ebene, die ganz hinten im Türkis des Meeres verschwindet. Wer seinen Blick zurückholt, sieht sich im Garten wieder. Seerosen greifen ins Blaugrün des Teiches. Das Wasser bricht das Sonnenlicht und spiegelt die Mauern des Schlosses. Entlang der Kieswege Magnolien und Mammutbäume, die ersten, die aus Amerika bis nach Europa gelangt sind. Jenseits der barocken Parkanlage ein riesiges Stück Land, Wald und Wiesen, wohin man schaut. Auf den Hügeln grasen Hirsche. Könnte so das Paradies aussehen?

          Eintritt: Schon das Eingangstor ist ein Versprechen.
          Eintritt: Schon das Eingangstor ist ein Versprechen. : Bild: Karl Mühlberger

          Leonardo Facchinetti lacht laut auf, rollt mit den Augen und schlägt seine Hände vor dem Gesicht zusammen: Nein, Paradies sei das keines. Der Catajo zähle zu den berühmtesten Schlössern des Veneto, das traue er sich zu sagen. Aber einen Besitz wie diesen wünsche er nicht einmal seinem schlimmsten Feind. Allein die Erhaltung des Anwesens koste jährlich ein bis zwei Millionen Euro, schätzt er. Die hat man natürlich nicht. Gar nicht zu denken an die Kosten für die dringend anstehenden Renovierungen. Der Catajo, so Leonardo Facchinetti, sei eigentlich ein Abenteuer für Milliardäre oder Oligarchen. Aber für eine Familie wie die seine? Ein Albtraum, die Hölle. "Wie die Pest."

          Schloss, Burg und Villa

          Fast vierzig Jahre lebt Leonardo Facchinetti nun schon im Schatten des Catajo, ebenso lange ist er mit Isabella Dalla Francesca verheiratet. Ihr und ihrer Familie gehört das Schloss in den Ausläufern der Euganeischen Hügel. "Wenn ich gewusst hätte, was mit diesem Ungetüm auf mich zukommt, hätte ich meine Frau nicht geheiratet", jammert Signore Facchinetti und lacht schon wieder. Doch der Catajo war Teil der Morgengabe, der Dritte im Bunde. Leonardo, als ehemaliger Kaufmann ein Kosmopolit und wunderbarer Erzähler, hat sich längst in seine Rolle gefügt. Er berät seine Frau und deren Verwandte in geschäftlichen Belangen und macht den Clown, wenn es allzu ernst wird.

          Augenzwinkernd führt er durch die verwinkelte Geschichte des Catajo, die bis ins elfte Jahrhundert zurückreicht, als die Obizzi, eine Familie von Feldherren, im Gefolge Kaiser Heinrichs II. nach Italien kommen. Ein Heer von Söldnern verhilft ihnen zu Ruhm und Macht. Und so fasst Pio Enea degli Obizzi - er gilt sogar als Erfinder der Haubitze - um 1570 den Entschluss, das kleine Landhaus unweit von Battaglia Terme zu einer repräsentativen Villa ausbauen zu lassen. Ja, mehr noch: Ein Palast sollte hier entstehen, um Einfluss und Ansehen der Familie zu dokumentieren und den Soldaten und Pferden solide Unterkünfte zu verschaffen. Und so planen Pio Enea und der Architekt Andrea da Valle ein Gebäude, das vollends aus dem Rahmen fällt: kein Schloss und keine Burg, keine Villa und keine Verteidigungsanlage. Von allem ein bisschen - und am Ende noch sehr viel mehr.

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