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Island : Das Geisterhaus

Nach Grettirs Saga findet nur, wer durch den Lochstein schaut, den Weg in Trolltal Bild: Kat Menschik

Zwischen Schafen, Fjorden und Moränenlandschaften, wo Islands stärkster Held Grettir mit einem Wiedergänger kämpfte, halten sich heute Jahrhunderte alte Sagen und Mythen. Eine Ortsbegehung im Nordwesten der sagenhaften Insel.

          Es gibt natürlich keinen Grund, sich Sorgen zu machen, sagt unser Reiseleiter, als er den Wagen anhält, uns aussteigen lässt und seine Geschichte beginnt. Immerhin sei jetzt helllichter Tag und Hochsommer, und das Tal, zu dem wir unterwegs sind, habe so oder so längst seinen Schrecken verloren, außerdem sei das alles jetzt schon knapp tausend Jahre her.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Es ist kühl so früh am Morgen, die Straße nach Norden ist leer und die Luft so klar, als ob kein Wesen hier je geatmet hätte. Aus einer Wiese neben dem Asphalt schreien die Uferschnepfen, der Himmel ist hoch und so hell und milchig, wie er erst knapp unterhalb des Polarkreises wird. Die Pachulke-Zwillinge bewerfen sich mit Kieseln, während der Reiseleiter geduldig die Urgroßeltern, Großeltern und Eltern seines Helden abhandelt und dann endlich zu jenem Grettir kommt, um den es ihm geht. Grettir also, vor exakt 1005 Jahren auf dem Hof Bjarg in Nordwestisland geboren, war ein schwieriges Kind, einsilbig, unfreundlich, streitsüchtig, aber ein hübscher Junge, rundgesichtig, rothaarig und voller Sommersprossen, ewig mit seinem Vater zankend und von der Mutter sehr geliebt.

          Grettirs Saga

          „Siehste?“, sagt der eine Pachulke zum anderen, und der wirft dafür gleich eine Handvoll Steine auf seinen Zwilling. Einer davon landet bei mir, und weil er so schön glattgeschliffen und in der Mitte durchlöchert ist, stecke ich ihn ein.

          Wie es mit Grettir weitergeht, erzählt eine ihm gewidmete Saga, die um 1300 niedergeschrieben wurde: Grettirs Vater Asmund lässt ihn die Gänse hüten, doch weil sie ihm ständig weglaufen, bricht der Junge ihnen die Flügel. Später erschlägt er im Streit einen Mann, wird geächtet und verlässt Island auf drei Jahre Richtung Norwegen. Dort bewährt er sich im Kampf gegen ein rabiates Gespenst und einen blindwütigen Berserker, er kommt zurück nach Bjarg und hält sich für den Allergrößten. Tja, sagt unser Reiseleiter und dirigiert uns wieder ins Auto, dann lief die Sache aus dem Ruder.

          Unwirtliches Klima

          Wir fahren durch eine Moränenlandschaft mit kindskopfgroßen, moosbewachsenen Steinen. Der Horizont ist weit, in der Ferne weiden ein paar Schafe, wir sind ganz in der Nähe der Fjorde, die sich in Islands Nordküste bohren. Rings um die Insel verläuft eine breite Küstenstraße, der wir folgen, bis wir rechts eine Reihe von kegelförmigen Hügeln sehen und schließlich eine Abzweigung ins schmale Vatnstal. An einem Reiterhof müssen wir halten, weil sich eine fröhliche Besuchergruppe von den Färöern um eine Herde Islandpferde drängelt. Als sie vorüber sind, fängt es an zu regnen. Die Gegend wird einsamer, das Tal zieht sich um den Fluss in seiner Mitte zusammen, je weiter wir kommen. Links, im Osten, wachsen sogar ein paar Bäume, was auf Island noch immer ungewöhnlich ist – zur Zeit der Wikinger gab es hier zwar regelrechte Wälder, aber die fielen rasch dem Bedarf an Häusern, Booten und Brennholz zum Opfer.

          Wie sah das damals aus, als die Siedler aus Norwegen kamen und eine menschenleere Insel in Besitz nahmen? Als sie die riesigen Flächen untereinander aufteilten und dafür ein unwirtliches Klima in Kauf nahmen, das ihnen eine Menge abverlangte, vor allem im Winter?

          Eindrucksvoll aber ziemlich spekulativ

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