https://www.faz.net/-gxh-119gt

Irland : Unsterblichkeit gibt es nur im Sattel

  • -Aktualisiert am

Über den Preis eines Pferdes entscheidet auch sein Gebiss. Bild: dpa

Irland ist seit jeher das Land der Pferdemärkte und Pferderennen. Um extravagante Hüte geht es dabei nie, sondern immer um Geselligkeit mit viel Guinness.

          6 Min.

          Tante Penelope, dreiundsechzig Jahre alt und fast blind, soll noch einmal aufs Pferd steigen. So hat es der Familienrat der Deacys beschlossen. Denn der angestammte Jockey des Rennpferdes "Grey Seagull" hat sich verletzt, und der wilde Wallach duldet sonst keine Reiter auf seinem Rücken. Seit zwanzig Jahren hat die Tante nicht mehr im Sattel gesessen, doch bringt sie das unbändige Pferd dank ihres Feingefühls tatsächlich unter Kontrolle. Aber kann sie wirklich ein vier Meilen langes Jagdrennen voller Hindernisse überstehen? Mit einem Schluck Cognac zur Stärkung hält sie nicht nur durch, sondern gewinnt schließlich sogar den Wettkampf. "Miss Penelope", sagen die verblüfften Zuschauer, "Sie sind ein großartiges Frauchen."

          Die Erzählung des irischen Schriftstellers Liam O'Flaherty ist ebenso amüsant wie unglaubwürdig - aber unglaubwürdig nur, wenn man in der irischen Provinz noch nie ein Pferderennen besucht hat. Dort gibt es noch immer improvisierte Rennplätze, zu denen Tausende von Zuschauern strömen, um ihre Leidenschaft für Pferde, Rennen und Wetten auszuleben. Dunmanway ist so ein typischer Ort. Seit Jahrhunderten findet in diesem ansonsten bedeutungslosen Städtchen im irischen Südwesten die Ballabuidhe Horse Fair statt. Dreißig Galopp- und Trabrennen nehmen dabei nicht weniger als drei Tage in Anspruch.

          Alle Generationen vertreten

          Eine Stunde vor Beginn der Wettkämpfe ist der Platz noch fast leer. Nur ein einsamer Traber dreht seine Runden. Wer zum ersten Mal hierher kommt, mag sich fragen, ob er am Rande dieses entlegenen Provinznestes am Ende nicht allein bleiben wird mit ein paar Jockeys und Pferden. Sollte sich wirklich eine beachtliche Anzahl Zuschauer auf diese Wiese verirren, die man mit wenigen Metallzäunen und zwei handgemalten Schildern für Start und Finish in einen primitiven Rennplatz verwandelt hat? Aber ja. In einem stetigen Strom trudeln zunächst die Pferdehalter mit ihren Lastwagen und Anhängern ein, laden Tiere und Sulkys aus. Gleichzeitig füllt sich der Innenraum des rustikalen Renn-Ovals mit den Autos der Zuschauer. Jemand hisst die irische Flagge, aus einem rasch angeschlossenen Lautsprecher klingt Folk Music. Und plötzlich haben sogar eine Reihe Buchmacher ihre Stände installiert. Die Herren Murphy, Mulhearn, Kelleher, O'Riordan und Collins brauchen dazu weder Tisch noch Stuhl, noch Dach über dem Kopf. Sie stehen auf leeren Bierkästen vor ihrer Anschreibtafel und notieren per Hand Pferde und Quoten für das erste Rennen. Und schon wechselt eine erstaunliche Anzahl von Euroscheinen die Hände.

          Das Publikum drängt sich inzwischen auf einem grasbewachsenen Erdwall, der vor dem Zieleinlauf als Tribüne dient. Von der Urgroßmutter bis zum Urenkel sind alle Generationen vertreten; dazwischen könnte man wohl auch jemanden wie Tante Penelope entdecken. Nur auffällige Selbstdarsteller sucht man vergebens. Niemand trägt modische Kleider oder ausgefallene Hüte, auch prestigeträchtige Ferngläser sind auf dieser überschaubaren Rennbahn nicht nötig. Das Interesse am Pferd, am Wettkampf und am Wiedersehen mit Verwandten und Bekannten steht im Vordergrund.

          Drei Tage feiern

          "Up they come", unterbricht der Ansager das allgemeine Palaver auf den Rängen, und schon geht es los. Den Auftakt macht ein Ponyrennen mit jugendlichen Reitern. Auf Rennplätzen wie diesem werden zukünftige Meister des Pferdesports geboren. Die Siegprämien sind bescheiden, beginnen bei dreihundert und erreichen beim Hauptrennen zweitausend Euro. Gestiftet werden sie von rennbegeisterten Familien, manchmal mit anrührenden persönlichen Widmungen, zum Beispiel zum Gedenken an die Seeleute, die nicht von ihrer Arbeit auf dem Meer zurückgekehrt sind. Zur Siegerehrung finden sich dann nicht nur die erfolgreichen Pferde und Reiter ein, mindestens ebenso im Mittelpunkt stehen die Clans und Großfamilien der Besitzer und der Mäzene, die Prämien, Pokale und Siegerkränze zur Verfügung gestellt haben. Man kennt sich, trifft sich und feiert sich ein wenig - drei Tage Pferderennen, drei Tage Familienfest.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.