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Internet : Abreise verschoben in Second Life

  • -Aktualisiert am

Begegnung mit dem Unbekannten im Second Life Bild: AFP

Hat das Flugzeug in der realen Welt Verspätung, kann man sich wenigstens einen Schokoriegel kaufen. Bei der ersten Reise mit Thomas Cook durch die virtuelle Unterhaltungswelt von Second Life blieben die Reisewilligen dagegen starr wie Eiswürfel stehen - weil die Technik versagte.

          Reisen in der Wirklichkeit macht müde. Wenn man sich davon erholen will, empfiehlt sich das mittlerweile an vielen Stellen von historischem Edelrost überzogene, in der unaufhaltsamen Fortschrittseuphorie leider etwas in Vergessenheit geratene, aber immer noch rüstige und zumeist auch funktionstüchtige Traditionsmedium Second Life. Hier darf der Mensch vom Massentourismus unbehelligt noch ganz mit sich allein sein.

          Wer also bereit ist, mit dem Staublappen über seinen Avatar zu fahren, seine Gelenke mit einigen Klicks zu schmieren, seine Gesichtsfalten digitalzubügeln und die virtuellen Spinnenweben aus den virtuellen Ecken dieser virtuellen Wirklichkeit zu entfernen, der darf der Reisegesellschaft Thomas Cook, die als zweites Reiseunternehmen nach TUI eine Dependance in Second Life eröffnet hat, in eine inzwischen weitgehend wüste und leere Welt folgen. Einige Blumentöpfe grüßen den Avatar dann im verglasten Empfangsraum der Thomas-Cook-Filiale. Zwei der Blumenkübel sind leer, hier wurde anscheinend schon lange nicht mehr nach dem Rechten gesehen.

          Doch so und nicht anders soll es sein: ein verwilderter, naturbelassener Flecken Erde am Rande der Zivilisation. Andere Menschen wird der Second-Life-Reisende zunächst einmal vergeblich suchen. Allein steht er in der Glaskuppel und ärgert sich, eine gewohnte Reaktion des gerade aus dem geschäftigen Leben Entflohenen. Bald aber beginnt er, die Ruhe und Abgeschiedenheit zu genießen. Die Gedanken schweifen, der Geist findet ganz zu sich.

          Geburtshelfer der Stille

          An besonderen Tagen, viermal wöchentlich, bietet Thomas Cook eine begleitete Reise durch die virtuelle Unterhaltungswelt an. Dann verlieren sich, wie am vergangenen Montag, etwa fünf Personen in der Empfangskuppel, zwei davon sind Reiseleiter, das Verhältnis von Service und Kunde ist nahezu ideal. Hätte die Technik es zugelassen, hätte der reiselustige Avatar den Reisebegleitern durch Clubs und Städte des Inselparadieses folgen können. Die technischen Gegebenheiten ließen es jedoch nicht zu.

          Nach spärlichen Begrüßungsworten standen die drei Reisewilligen und ihre Reiseleiter wie Eiswürfel in der Empfangskuppel, unfähig, sich zu bewegen, und unfähig, die zahlreichen Gesten und Floskeln auszutauschen, die ihnen die Software normalerweise zur Verfügung stellt. Second Life, das nebenbei, ist für seine kommunikativen Aspekte berühmt und für seine technischen Macken berüchtigt. Doch die Unzulänglichkeiten der Software können, wie in diesem glücklichen Fall, auch Geburtshelfer der Stille sein. Voll Dank verließ der Urlauber diese Welt, die ihm keine Kosten und keinen Planungsstress verursachte, in der er ohne Flugbestätigung und Hotelrechnung so lange bleiben und Ruhe bewahren durfte, wie es ihm beliebte, und geruhsam sein Ich umgrenzte.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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