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Hotellerie : Sternenlose Nächte

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Die Temperatur des Kalten Krieges: Im Null Stern Hotel gibt es keine Heizung, da sollte man sich besser warm anziehen zum Schlafen. Bild: h.o.

Im Schweizer Untergrund: In Teufen eröffnete - jetzt tatsächlich - das erste sogenannte „Null Stern Hotel“ in einem alten Bunker. Das Kunstprojekt ist eine Art Luxus-Antithese und irritiert den Hotelverband

          Teufen, eine Gemeinde im Appenzeller Land, hübsch auf einer Anhöhe südlich von St. Gallen gelegen, hat Prunkanwesen und Villenfassaden, einen Millionärsanteil von etwa fünf Prozent und die höchste Ferrari-Dichte der Schweiz. Und seit zwei Tagen hat Teufen ein „Null Stern Hotel“.

          Dieses erste „Null Stern Hotel“ der Welt befindet sich - Achtung - in einem Nuklearbunker, und weil es sich als Luxus-Antithese versteht, passt es besonders gut in eine der reichsten Gemeinden der Schweiz. Die Gemeinde wiederum dürfte es freuen, dass das neue Hotel nicht weiter auffällt. Nur ein Schild und eine kleine Treppe, die unter einem Altersheim und neben zwei Garagentoren zu einer zehn Zentimeter dicken Stahltüre führt, weist auf Teufens neue und skurrile Übernachtungsmöglichkeit hin.

          Das „Null Stern Hotel“ ist weniger und zugleich auch mehr als ein gewöhnliches Hotel. Weniger, weil es schlicht, kalt und nicht nur stern-, sondern auch weitgehend servicefrei ist. Und es ist mehr, weil seine Erfinder, die Konzeptkünstler und Zwillingsbrüder Frank und Patrik Riklin aus St. Gallen, das Hotel als Kunstprojekt verstehen. Die beiden sind 35 Jahre alt, haben lange, dunkle Haare und Vollbärte. „Die Hoteleröffnung“, sagt Frank Riklin, „war eigentlich wie eine Ausstellungseröffnung. Nun ist das Hotel Alltagskunst. Deswegen macht es nichts aus, wenn mal zwei Monate lang kein Gast kommt.“ Allein der letzte Satz sollte bei allen Hoteliers der Welt Irritationen verursachen.

          Der Service wird hier eher klein gehalten, dafür gibt es Wärmflaschen umsonst - das hilft gegen die ungemütlichen 15 Grad.

          Ein Bett im Bunker

          So ähnlich, wie das „Null Stern Hotel“ bei einem Gast Irritationen verursacht: Schon mit den ersten Schritten in den Bunker merkt man, dass es hier genauso aussieht, wie man sich so einen Bunker vorstellt. Kaum etwas wurde kaschiert, verändert oder beschönigt. Und doch folgt alles einem künstlerischen Konzept. Patrik Riklin sagt: „Wir kreieren nichtreale Situationen, immer mit einem Hauch von Fiktion. Und wenn man dran kratzt, dann sieht man die Wahrheit.“ Seine Worte verhallen zwischen den Betonwänden.

          Ursprünglich hätte das erste „Null Stern Hotel“ nicht in Teufen, sondern in Sevelen im Rheintal eröffnen sollen. Die Gemeinde Sevelen hatte im Mai 2008 den Anstoß für das ganze Projekt gegeben: Sie hatte die Riklin-Brüder beauftragt, eine nicht mehr gebrauchte Zivilschutzanlage in eine Übernachtungsmöglichkeit zu verwandeln. Der Kontrast und das künstlerische Spannungsfeld zwischen Hotel und Bunker reizte die beiden sofort, und als ihnen der Name „Null Stern Hotel“ einfiel und sie feststellten, dass es diesen Begriff noch nicht gab, er nicht geschützt und die Internetdomain noch frei war, nahm das Projekt langsam Gestalt an.

          In der sogenannten Lounge liegen Militärmatratzen am Boden, und an der Wand hängt eine der Frischluftanlagen mit ihren silbernen Röhren. „Luftschutzventilator System Mengen“, steht darauf. Weiter hinten dreht sich das „Glücksrad“. Weil es im Bunker nur zwei Duschen gibt, soll dieses Zufallsrad, aus einer Fahrradfelge gemacht, entscheiden, welcher Gast zuerst duschen darf. Und weil im Bunker nicht geheizt wird - da zu teuer - hat es ungemütliche 15 Grad. An einer Wäscheleine hängen, wie nasse Kleidungsstücke, rote Wärmflaschen.

          Ein Bett geht um die Welt

          Noch in Sevelen hatten Frank und Patrik Riklin im Oktober letzten Jahres ein „Probeschlafen im Bunker“ veranstaltet. Mit einigen Freunden, Bekannten und ein paar Journalisten. Einer von ihnen schrieb später eine Meldung für „Associated Press“ (ap). Und was das ausgelöst hat, erstaunt die beiden Brüder noch heute: Innerhalb von wenigen Stunden wurde die Lokalmeldung zur Weltinformation. Nach dieser ersten Testnacht rief plötzlich jemand von Associated Press aus Frankfurt im Atelier der Riklins an und fragte, ob sie ein paar Hotelbilder schicken könnten. Sie waren etwas verwundert, schickten die Bilder raus und gingen in eine Kneipe. „Als ich nachts nach Hause kam“, erzählt Patrik, „machte ich noch mal den Computer an und gab bei Google ,Null Stern Hotel' ein. Ich kann nur sagen: Ich habe gezittert!“ Überall seien ihre Fotos mit deutschen, englischen, arabischen und russischen Artikeln zu sehen gewesen. „Ich konnte es kaum glauben: Wir stellen ein Holzbett in einen Bunker - und es geht um die Welt.“ In den nächsten Wochen hätten sie „schon tausend Nächte verkaufen können“. Und als sie dann im November eine zweite Testnacht durchführten, kamen 25 Zeitungen, Magazine und zwölf Fernsehteams mit großen Kameras. Das Problem war nur: Das „Null Stern Hotel“ war noch immer nicht offiziell eröffnet und seine Verwirklichung ziemlich ungewiss. Die Gemeinde Sevelen stellte sie vor bürokratische Hindernisse, plötzlich machte das Militär wieder Ansprüche auf den Bunker geltend, und irgendwann stand der Gemeinderat nicht mehr hinter dem Projekt.

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