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Havel-Oder-Kanal : Binnen- und Außenansichten

  • -Aktualisiert am

Mit Schirm, Charme und Schleuse: Die Sonne macht einigen Passagieren zu schaffen Bild: Evelyn Runge

Kurs nordnordost: Der Havel-Oder-Kanal führt an einem Tag von Berlin nach Stettin - eine Grenzerfahrung. Nach 13 Stunden Schifffahrt sehen manche Passagiere so aus, als hätten sie 13 Tage Strandurlaub gemacht.

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          Die Fallhöhe dieser Geschichte beträgt 36 Meter. 36 Meter abwärts in einem Schiff, das in einem wassergefüllten Trog in einem stählernen Aufzug hängt. Das Schiffshebewerk Niederfinow im Eberswalder Urstromtal ist gleichzeitig Höhe- und Tiefpunkt dieser Schiffsfahrt von Berlin nach Stettin. 1934 erbaut aus 14 000 Tonnen Stahl – 60 Meter hoch, 94 Meter lang, 27 Meter breit –, befördert es seitdem Schiffe, Waren, Menschen. Mit dem Hebewerk sparten die Binnenschiffer viel Zeit. Zuvor mussten sie auf dem Havel-Oder-Kanal vier Schleusen überwinden, was zwei Stunden dauerte. Die Fahrt im Schiffshebewerk dauert fünf Minuten.

          Im Trog des Schiffshebewerks liegt die „MS Berolina“ mit zwei anderen Ausflugsschiffen und einem Sportboot. Die Berolina war frühmorgens in Berlin gestartet und wird am Abend im polnischen Stettin anlegen. Die letzten drei Gäste hatten das Ausflugsschiff rennend erreicht, die kleinen Rollkoffer im Morgengrauen hinter sich her ziehend. Schiffsführer Roland Kaiser – der, bevor man etwas über den gleichnamigen Schlagersänger sagen kann, einem das Wort abschneidet: „Ich bin der echte!“ – kennt das schon: Die „MS Berolina“ liegt in einem Seitenarm des Tegeler Hafens, am Kreuzfahrtterminal ist kein Platz. Das ist ausgeschildert, der Seitenarm nicht. Und zu allem Überfluss legt das Schiff um 5.46 Uhr ab, Kurs nordnordost.

          Alkohol zum Frühstück

          Das Schiff fährt heraus aus der Hauptstadt, während die Gäste frühstücken. Um 7.03 Uhr wird der erste Sekt des Tages geöffnet. Jürgen Loch, Geschäftsführer der Stern- und Kreisschifffahrt in Berlin, hatte im Frühjahr am Telefon gesagt, man solle schnellstmöglich buchen, sonst bekäme man keinen Platz mehr. An Bord sind dann aber nur 34 Leute; gut doppelt so viele hätten Platz. Trotzdem kennzeichnen die Passagiere die Stühle auf dem Deck mit Plastiktüten, als müssten sie Sonnenliegen am Hotelpool verteidigen. Ein allein reisender, korpulenter Mann lässt sich von einer Angestellten die Alkoholika aufzählen; er ordert Jägermeister. Es ist 8.01 Uhr. Eine Frau hängt noch in der Alltagsroutine und sagt: „Volker sitzt jetzt in der Straßenbahn.“ Es ist 9.10 Uhr.

          Bild: F.A.Z.

          Die Landschaft am Havel-Oder-Kanal ist durch Industrie geprägt. Vor den Hennigsdorfer Elektrostahlwerken liegt der Frachtkahn „Izabel“, gefüllt mit rostigem Schrott. Auf der rechten Seite erscheinen kurz darauf die Ruinen des Wasserwerks Stolper Heide.

          Nahe der Schleuse Lehnitz liegt auf der rechten Seite ein Hafenbecken, umgeben mit Steinen: Hier war die Außenstelle Klinkerwerk des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Die Häftlinge mussten Natursteine für Albert Speers Projekte verarbeiten und Kabel für die Rüstungsindustrie verwerten. Später gehörte das Gelände der Nationalen Volksarmee der DDR. Nach der Wende sollte ein Gewerbepark entstehen, der nach Protesten von Überlebenden und der Gedenkstätte Sachsenhausen nicht gebaut wurde. Am Kanal erinnern heute Figuren an das Todeslager.

          Durchschnittsalter von etwa siebzig Jahren

          Die Durchschnittsgeschwindigkeit der „MS Berolina“ liegt bei zwölf Kilometern pro Stunde. Die 167 Kilometer lange Fahrt von Berlin nach Stettin dauert gemütliche dreizehn Stunden, sechsmal so lange wie die Fahrt mit dem Auto. In den dreizehn Stunden entwickelt sich an Bord ein eigener Kosmos, während Wald und Wiesen rechts und links als Panoramakulisse vorbeifahren. Ins Gespräch untereinander kommen die Reisenden erst beim Abendessen im Hotel und bei der Bustour durch Stettin am nächsten Tag.

          „Ja liebe Gäste ...,“, Roland Kaisers Stimme schnurrt geschmeidig wie die seines Namensvetters aus den Lautsprechern. Und dann folgen Namen von Orten, Seen, Kanälen und Seitenarmen, die er so hochgeschwind herunterrattert, dass man zwei Drittel wieder vergessen hat, sobald er das Mikrofon abschaltet.

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