https://www.faz.net/-gxh-789sv

Gustav Mahler in Toblach : Flucht vor den Kuhgästen

  • -Aktualisiert am

Zwischen den Fichtenzweigen tanzen Sonnenstrahlen. Aus dem Zoo nebenan dringen - molto vivace - einzelne Tierlaute herüber. Umso verlockender ist es, mit dem Rücken an den Baum gelehnt im Gras zu sitzen, um sich Mahlers Musik hinzugeben. Wir summen die Melodie vom „Lied von der Erde“, denken an seine Neunte, seine Zehnte. In dieser Hütte sind die Entwürfe für die Partituren seiner drei späten Symphonien entstanden, die letzte unvollendet, und zwar nicht wegen einer Schaffenskrise. Bei Mahlers erstem Besuch im Pustertal war vielmehr ein Ehedrama im Gepäck. Wohl bewunderte die neunzehn Jahre jüngere Alma Mahlers musikalisches Genie, begleitete ihn auf Konzertreisen, genoss mit ihm seine Triumphe. Doch dass er ihr nahelegte, selbst vom Komponieren abzulassen, dass er auf seinem Monopol beharrte, das nahm sie ihm übel.

Wer schlägt den Takt?

Zunächst arrangierte sich das Paar. Gustav tauchte ein in die Einsamkeit des Komponierhäuschens, und Alma ging in Kur. Sandte der Genius grünes Licht, machte sie Visite, wurde aber bald von Verzweiflung gepackt angesichts der „eiskalten Gletscheratmosphäre“, die das auch beim Essen erzwungene Schweigen prägte. All das ging seinen Gang, bis Schatten aufstiegen - Kurschatten. Die Liaison mit dem Architekten Walter Gropius startete mit einem Paukenschlag. Sein Schmachtbrief - „alle Geheimnisse unserer Liebesnächte“ - landete statt auf ihrem auf Gustavs Schreibtisch im Trenkerhof. Mit der Folge, dass Mahler, wie man in Toblach noch heute zu hören bekommt, in seine hölzerne Klause geflüchtet sei, um sich, verzweifelt weinend, auf dem Boden zu wälzen.

Wochenmarkt in Toblach, die ganze Fülle Südtirols im Angebot. Das alte Dorf schmiegt sich wie eh und je um die spätbarocke Kirche. Es kostet Geduld, bis wir ihn zwischen den Ständen mit Äpfeln, Käse und Wein entdecken: Gustav Mahlers Statue gibt den veredelten Typ des Künstlers in fließendem Gewand, ganz nach dem Geschmack der Einheimischen. Die Skulptur stammt aus den achtziger Jahren, es hat offenbar Zeit gebraucht, bis man bereit war, dem Maestro aus Wien im Dorf einen Platz einzuräumen. Heute ist beinahe jeder Laternenpfahl mit einem Gustav-und-Alma-Fähnchen versehen - die Saison, ein einziges Festival. Vorneweg die Toblacher Mahler-Wochen, die ihren festen Platz im internationalen Musik-Kalender haben. Die Mahler-Hütte ist schon als Bühne für eine Jazz-Combo zu Ehren gekommen. Und regelmäßig wird das „Toblacher Komponierhäuschen“ für die beste Musik-Produktion des Jahres vergeben, im Lichte der örtlichen Verwicklungen eine Bezeichnung mit ungewollt satirischem Beigeschmack.

Es ist der Zustand der Musikbude, um den im Dorf seit Jahren gestritten wird. Wer schlägt den Takt? Ist es Bernhard Mair, der frühere Bürgermeister, für den der Casus einer Gretchenfrage gleichkommt? Seine Antwort ist so prompt wie deutlich: Eine Posse sei das, nur peinlich! Um nichts anderes gehe es als um ein „würdevolles“ Gedenken. Auch das Wort „Entschädigung“ fällt, offenbar der gordische Knoten. Herbert Santer könnte ihn durchhauen. Am Rande des Dorfes ist er zu Hause, dort, wo das Höhlensteintal sich tief ins Gebirge kerbt. Herbert Santer war Bauer und Gastwirt, als alles anfing. Damals, erzählt er, habe er das Land erworben, auf dem das Komponierhäusl steht, und weil der Gastwirt und Bauer Pepi Trenker sein Nachbar und Jagdgenosse gewesen sei, habe er ihm einen Teil des Geländes - ohne Häusl - verkauft. Und der Pepi habe darauf seinen Wildpark gesetzt. Der sich rentierte. Nicht aber das Mahler-Häuschen, betont Herbert Santer, bis heute nicht. Das müsse sich ändern.

Drei Flaschen zum Fünfzigsten

Das Toblacher Grandhotel als Gegenwelt, der Gastgeber der Mahler-Wochen. Wir promenieren durch die großzügige Parkanlage, sehen uns einem klassizistischen Palazzo gegenüber, der einst im alpinen Schweizer Stil errichtet wurde. Einst eine luxuriöse Unterkunft, ist das riesige Anwesen nach vielen Wirren in öffentliches Eigentum übergegangen und zum „Kulturzentrum Grandhotel“ geworden. Im Speisesaal, in dem einst Gustav Mahler mit Richard Strauss speiste, machen sich Rucksacktouristen breit. Das Grandhotel als Jugendherberge, unter einem Dach mit dem Naturpark- und dem Kulturzentrum.

Was Mahler von den Toblacher Missklängen halten würde? Wir machen ihm einen Abschiedsbesuch in seiner Musikhütte hinterm Tierpark, diesem magischen Ort in bizarrer Umgebung. Hier hat er seinen letzten, seinen fünfzigsten Geburtstag begangen, im Sommer 1910, mutterseelenallein, mit einer wunderlichen Mixtur. Von seiner Schwiegermutter hatte er sich „eine Flasche echten Honig, eine Flasche Füllfederhaltertinte und ein bisschen Pfefferminzöl“ erbeten. Es ist, als wehte ein zarter Duft vorüber.

Weitere Themen

In heroischer Geste

Grand Tour durch die Schweiz : In heroischer Geste

Selbstzerstörerisch durchs Gelände und zu den Gipfeln hinauf? Auf den Spuren der Grand Tour, einer der landschaftlich schönsten Routen der Schweiz, weist sich, ob man zum Bergsteiger geboren ist.

Massentourismus am Weltwunder Petra Video-Seite öffnen

Jordanien : Massentourismus am Weltwunder Petra

Die Felsenstadt Petra in Jordanien leidet unter den jährlich wachsenden Besucherzahlen. Wie viel Massentourismus verträgt ein Weltwunder? F.A.Z.-Redakteurin Elena Witzeck hat sich vor Ort umgesehen.

Topmeldungen

Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.