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Gstaad : Zwischen Pulverschnee und Hautevolee

  • -Aktualisiert am

Nobelort ohne Allüren: Gstaad Bild: Volker Mehnert

Straft alle Boulevard-Geschichten Lügen: Im winterlichen Gstaad zeigt man, was man hat, nur hinter vorgehaltener Hand.

          Das hat man nun davon, wenn man mit lauter Boulevard-Geschichten im Kopf nach Gstaad reist. Man kann sich noch so viel Mühe geben, sie zu verdrängen, es gelingt nicht. Auf der Promenade und auf der Piste, im Gespräch und hinter den Kulissen - immer sucht und findet man irgendwo das Thema "Prominenz". Dabei hat Gstaad es längst aufgegeben, sich offiziell als Treffpunkt der Hautevolee zu präsentieren. Am liebsten möchte es als gehobener Wintersportort für jedermann auftreten. Aber diese Kalkulation kann nicht aufgehen. Adel und Geldadel mögen sich in ihren Chalets verstecken und die Schönen und Neureichen ihre Party-Clubs von Türstehern bewachen lassen. Doch irgend etwas dringt immer nach draußen, so ist die Gerüchteküche allzeit in Betrieb. Der gewöhnliche Tourist bewegt sich deshalb nicht mit der üblichen Selbstverständlichkeit auf den Straßen und Pisten, sondern wähnt sich parallel zu seinem eigentlichen Ferienort immer auch ein wenig in einer höheren Sphäre, die nicht die seine ist.

          Die High Society hielt im Gefolge von Liz Taylor und Richard Burton Einzug in Gstaad. Die beiden fuhren hier Ski, und da ihre Eskapaden in den fünfziger und sechziger Jahren die Boulevardblätter unablässig beschäftigten, fand sich der kleine Ort im Saanental plötzlich auf der Landkarte der Prominentenziele wieder. Auch heute noch ist das Show Business präsent, doch im Unterschied zu St. Moritz, Kitzbühel und anderen winterlichen Rummelplätzen versammelt sich in Gstaad eine Gemeinschaft des diskreten Reichtums, die keinen Wert auf die Zurschaustellung ihres Privatlebens legt.

          Gleichförmige Chalet-Architektur

          Gstaad macht es ihnen leicht, sich zurückzuziehen. Die Gleichförmigkeit der von der Gemeinde vorgeschriebenen Chalet-Architektur und die verstreute Lage der Häuser an den steilen Berghängen halten Paparazzi und Schaulustige von aufdringlichen Exkursionen und Gafferei ab. Da sich die traditionellen Fassaden zum Verwechseln ähneln, gibt es wenig zum Bestaunen. Von außen demonstrieren die Domizile bäuerliche Bescheidenheit, auch wenn sich hinter den Kulissen ein verschwenderischer Luxus entfaltet. Sogar der kolossale Neubau, den ein ehemaliger Generalsekretär der Vereinten Nationen mitten ins Ortszentrum gepflanzt hat, verbirgt sich geschickt hinter der wiederverwendeten Holzfassade des schlichten Chalets, das vorher an dieser Stelle stand. Wer mit der Bahn nach Gstaad reist, erlebt dieses durchgängige Understatement schon während der Anfahrt, wenn der Zug eine weite Schleife über den Berg zieht und den Blick auf das zurückhaltend-einheitliche Ortsbild freigibt.

          Warum wohnt inmitten dieser baulichen Diskretion ausgerechnet ein Schweizer Star-Architekt? Erholt er sich hier von seinen verwegenen Kreationen, oder ist die betonte Gleichförmigkeit Ausgangspunkt für besondere Inspirationen? Vielleicht plant ja auch er heimlich einen Streich wie vor Jahrzehnten der Erbauer des Palace Hotels. Inmitten des harmonischen Konglomerats der Chalets irritiert dieser vielstöckige Protzbau, der dennoch seinen Teil zu Gstaads internationalem Ruf beigetragen hat. Im Palace Hotel, längst eine lokale Legende, quartieren sich diejenigen Mitglieder der Schickeria ein, die sich kein eigenes Chalet leisten können oder wollen. Wie eine mittelalterliche Burg thront es auf einem Hügel, und vor allem in der Nacht, wenn es bunt beleuchtet ist, sieht es aus wie seine eigene Kopie aus Las Vegas.

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