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Gruselausflug nach Tschechien : Fürchte dich nicht

  • -Aktualisiert am

Schattenwirtschaft: In Krumau könnte die Vampirlegende zur Touristenattraktion werden. Bild: Maria Irl

Die Vampirprinzessin Eleonore Amalie zu Schwarzenberg trieb der Legende nach im tschechischen Krumau ihr Unwesen. Eine Spurensuche im Morgengrauen.

          5 Min.

          Wenn die Nacht sich über die Moldau senkt und Nebelbänke über das dämmerblaue Wasser rollen, dann wird Krumau, ein mittelalterliches Städtchen in Südböhmen, zur Dunkelkammer. Ein leiser Wind geht durch die Gassen, die Lichter in den spätgotischen Giebelhäusern erlöschen. Blinde Fenster. Nur in Eleonores Burg, die über der Stadt thront wie ein Feldherr über seinem Schlachtfeld, glimmt ein einsames Licht.

          Es ist meine erste Nacht in Krumau, kurz vor Mitternacht. Ich stehe am Ufer der Moldau, die sich wie eine Galgenschlinge durch die Stadt windet. Gleich werden die Untoten aus ihren Gräbern brechen, die Dämonen werden wüten, und Eleonore, die Vampirprinzessin, wird ihr Wolfsrudel auf mich hetzen und nach meiner Halsschlagader schnappen.

          Ich bin in Krumau, um Gespenster zu sehen.

          Sechs Vampirskelette

          Nicht weit von hier fanden Archäologen vor sechs Jahren die Skelette dreier Männer. Einer war enthauptet, sein Kopf lag zwischen den Beinen. Einem anderen war ein Pflock durchs Herz getrieben worden. Wie forensische Untersuchungen ergaben, starben die Männer vor dreihundert Jahren.

          Die Menschen von Krumau hatten die Leichen der Männer geschändet, weil sie befürchteten, die Toten könnten aus ihren Gräbern steigen. Deshalb köpften und pfählten sie die Männer und legten ihnen Steine auf Arme und Beine. Sie wollten verhindern, dass sie ihre Schädel wieder auf den Hals setzen.

          Dann schlagen die Glocken der St.-Veit-Kirche Mitternacht, und ich taste nach der Knoblauchknolle in der Manteltasche. Es wäre töricht gewesen, unbewaffnet anzureisen, ein Kruzifix habe ich auch dabei und ein Schwert – na gut, eigentlich ist es nur ein Schlüsselanhänger aus dem Souvenirshop. Plötzlich ein Scheppern: Ich starre in die Dunkelheit, aber da ist nur ein Greis auf einem klapprigen Fahrrad. Er sieht recht lebendig aus.

          Am nächsten Tag, einem Freitagnachmittag Ende September, steht Stanislav Jungwirth, 47 Jahre alt, Halbglatze und Fünftagebart, auf dem Marktplatz und hält den obligatorischen Regenschirm in der Hand. Er ist Stadtführer. Krumau sei eine magische Stadt, sagt er. Alles sei krumm in Krumau: die Moldau, die Gassen, die Menschen. Der Name komme von der „Krummen Aue“, auf der die Stadt erbaut ist.

          Als Erstes führt er mich zum Grab von Fürstin Eleonore Amalie zu Schwarzenberg. Sie ist in der Kirche des heiligen Veit begraben, die vor siebenhundert Jahren in einen Felsvorsprung über der Moldau gehauen wurde und mit Spitzbogen-Herrlichkeit gen Himmel strebt. Eleonores Grab ist schlicht, ohne Adelstitel, oder Wappen. Es liegt ein dicker bordeauxroter Teppich darüber, als wollte man Eleonores Existenz verschweigen.

          Jungwirth wurde in letzter Zeit häufiger von Touristen nach Eleonore gefragt. Das liegt vor allem an dem österreichischen Dokumentarfilm „Vampirprinzessin“. Darin versucht der Wiener Theater- und Medienwissenschaftler Rainer Maria Köppl zu beweisen, dass der Ursprung des Vampirmythos nicht in Transsylvanien liege, sondern in Krumau. Köppl glaubt sogar, dass die Geschichte von Eleonore Bram Stoker inspiriert habe, den Autor von „Dracula“.

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