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Gruselausflug nach Tschechien : Fürchte dich nicht

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Vondrouš wartet im Erdgeschoss, als Jungwirth und ich auf den Dachboden steigen. Überall baumeln handgeschnitzte Hexen- und Teufelsfiguren. Jungwirth blickt sich um. Blickt auf seine Uhr. Blickt sich wieder um. Irgendetwas scheint ihn zu beunruhigen. Alles in Ordnung? Jungwirth nickt. Doch kurz darauf verabschiedet er sich. Im Weggehen sagt er: „Man kann nicht alles mit dem Verstand erklären.“

Vernebelt: Schutzheiliger auf der Burg.

An meinem letzten Abend in Krumau steige ich zur Eleonores Burg hinauf. Die Kälte lässt den Atem dampfen. Es riecht nach feuchtem Herbstlaub und verbranntem Holz. Die Burg ist eigentlich ein Schloss, über die Jahrhunderte wurde sie immer weiter umgebaut: Es gibt fünf Schlosshöfe, eine Rokokokapelle, ein Barocktheater und drei Braunbären, die im Burggraben gehalten werden.

Die Bären schlafen schon, als ich unter den Linden vor dem Theater Frauen und Männer in seltsamen Kleidern sehe. Sie tragen samtrote Barockkostüme und Allongeperücken mit silbergrauen Mozartlocken. Wie sich herausstellt, sind sie Musiker in einem Orchester. Sie würden gerade eine Oper aufzeichnen, sagt einer der Musiker, für einen Fernsehfilm. „Orpheus und Eurydike“, von Christoph Willibald Gluck.

Während das Filmteam auf der Bühne dreht, setze ich mich in die Loge. Das Theater, 1680 erbaut, ist eine der wenigen Barockbühnen, die im Original erhalten sind; im Zuschauerraum schmiegen sich Putten an Kandelaber.

„Ruhe bitte! Und – Action!“, ruft der Regisseur. Auf der Bühne: dritter Aufzug, erster Auftritt. Eine finstere Höhle, Orpheus ergreift Eurydikes Hand, um sie aus der Unterwelt zu führen.

Orpheus singt, im Falsett: „Eile, folge meinen Schritten, einzige und ewige Geliebte.“ Eurydike singt: „Bist du’s? Ist’s Täuschung? Wach ich? Ist es Wahnsinn?“

Zwei Geisterhunde

Glaubt man der Legende um Eleonore, dann hätte der düsteren Adeligen Glucks Oper bestimmt gefallen. Im Grunde hätte sie sich nichts anderes gewünscht als Eurydike: erlöst zu werden. So wie alle Vampire.

Es ist Nacht, als der Regisseur den Drehtag beendet und ich zurück in die Stadt stolpere. Meine Schritte hallen auf dem Kopfsteinpflaster, und in meinem Kopf flattert alles durcheinander: die Skelette, Orpheus, Eleonore. So viele Geschichten gehört, aber nicht ein einziges Gespenst gesehen.

Dann drehe ich mich ein letztes Mal zur Burg um – und auf einmal stehen da zwei Wolfshunde. Sie sehen aus, als würden sie den Mond beschwören. Ich weiß, es klingt merkwürdig, es stimmt; man möge mich pfählen, wenn es nicht so war. Als die Wolfshunde mich bemerken, stellen sie ihre Vorderpfoten auf die Burgmauer und mustern mich mit ihren stechenden, schwefelgelben Augen. Die Burg liegt still da im Firnis der Nacht. Der Mondschein zittert auf der Moldau. Nur in einem einzigen Burgfenster flackert noch Licht. Dann wenden sich die Wolfshunde um und sind verschwunden.

Der Weg nach Krumau

Anreise Am schnellsten ist man mit dem Auto, von Frankfurt am Main sind es fünf Stunden Fahrt. Czech Airlines fliegt von allen großen deutschen Städten nach Prag (www.csa.cz). Mit dem Shuttle in drei Stunden nach Krumau; von München in vier Stunden (ckshuttle.cz).

Unterkunft Zum Beispiel im Hotel „Zlatý Andel“, Doppelzimmer ab 110Euro (www.hotelzlatyandel.cz) oder in der Pension „Rozmarýna“, ab 45Euro (pensionrozmaryna.cz).

Nachtführungen Die gruseligsten Touren bietet Stanislav Jungwirth an, auf Deutsch und Englisch, Gruppenpreis ab 75 Euro (www.magickrumlov.cz).

Weitere Informationen zum Beispiel unter: www.ckrumlov.info.

Die Reise wurde unterstützt von der Tschechischen Zentrale für Tourismus.

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