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Grönland : Die Erde in ihrem Rohzustand

  • -Aktualisiert am

Vorbei an kalten Riesen: Auch im Juli sind die Eisberge ständige Begleiter. Bild: Mechthild Müser

Mit einem Segelschiff im Sommer an die grönländische Ostküste zu reisen ist ein Abenteuer. Denn selbst dann herrscht dort ewiges Eis.

          Berüchtigt ist sie, die Dänemarkstraße, jene Meerenge zwischen Island und Grönland, die den Atlantik mit dem Nordpolarmeer verbindet. Berüchtigt für starke, kalte Winde von Nordost; Winde, die über den Nordpol gefegt sind oder über den Permafrostboden Sibiriens. Noch liegen wir mit der siebenundzwanzig Jahre alten Holzyacht "Wappen von Bremen" im Hafen von Bildudalur in den Westfjorden Islands, da, wo die Insel mit großer Pranke ins Meer greift, und warten. Warten darauf, dass der Starkwind nachlässt, damit wir auf dem Weg an die grönländische Ostküste nicht allzu sehr durchgeschüttelt werden. Der alte Jón, der sein Haus zu einem Schallplattenmuseum umgewandelt hat, vertreibt uns die Zeit. Sein Vater ist auf See geblieben, als er drei Jahre alt war, da ist er lieber Sänger einer Band geworden statt Fischer. Einen Tag später zeigen die Windprognosen auf dem Monitor, dass wir loskönnen. Es ist ein frischer Morgen, die Luft unglaublich klar, Wolkenfelder ziehen in der Ferne am Himmel. Bevor wir zur Durchquerung der Dänemarkstraße ansetzen, angeln wir schnell noch ein paar Dorsche. Der größte misst einen Meter. Beim Filetieren an Deck sind wir umlagert von gierigen Möwen und Eissturmvögeln. Skipper Carol Smolawa sitzt derweil am Navigationstisch und versucht, die aktuellen Eiskarten zu entschlüsseln. Satellitenbilder - aus großer Höhe aufgenommen. Zunächst lassen sie uns glauben, die Küste am Scoresbysund sei eisfrei. Doch ein Meteorologe von der "Wetterwelt" belehrt uns eines Besseren: Der Sund sei jetzt - Ende Juli - noch mit Eis verstopft. Wir geben unser Vorhaben auf, setzen die Segel und schlagen einen südlicheren Kurs ein. Auf keinen Fall wollen wir riskieren, plötzlich im Eis festzustecken.

          Die Silhouetten der isländischen Basaltberge - sie ragen wie Festungen aus dem Wasser - wandeln sich zu Schattengebilden. Als Nebel seine feinen Schleier auswirft, verschwinden sie ganz. Der Himmel bedeckt sich, graue Wolkenwände hängen über dem Horizont. Nordostwind kommt auf. Als wir den Polarkreis kreuzen, liegt die Wassertemperatur nur noch bei fünf Grad. Bald, so frotzeln wir, wird der Kühlschrank der wärmste Ort unter Deck sein.

          Spitzkantig wie ein Eckzahn

          Die Dorschfilets bleiben erst einmal in der Truhe. Zu starke Schräglage. Am Abend zieht dichter Nebel auf, die Nacht ist eine Komposition in Grau, der Horizont zum Greifen nah. Trotzdem wird es selbst während der "Hundewache" von zwei bis fünf Uhr morgens nie richtig dunkel. Die Nachwehen der Mitternachtssonne sorgen dafür, dass wir auf dieser Reise keinen einzigen Stern sehen. Als die Wassertemperatur auf zwei Grad und die Lufttemperatur auf vier Grad sinkt, wissen wir, dass wir im kalten Ostgrönlandstrom angekommen sind. Jetzt heißt es: auch noch die dritte Lage Thermounterwäsche anziehen. Zwei Paar Handschuhe, zwei Paar dicke Socken. Wer Wache an Deck hat, vermummt sich völlig und wirft die Rettungsweste über, nur an Figur und Augenschlitzen ist noch zu erkennen, wer am Ruder steht. Wir schlürfen heiße Suppe.

          In den frühen Morgenstunden die Überraschung: Hundert Seemeilen vor der grönländischen Ostküste taucht aus dem Nebel der erste Eisberg auf, grünlich schimmernd, fast transparent und spitzkantig wie ein Eckzahn. Wir fahren Eiswachen, ein Mann am Bug, einer oben in zehn Meter Höhe auf der ersten Saling. Den nächsten Eisberg hören wir, noch bevor er in Sicht kommt: am Donnern der Wellen, die an ihm hochschlagen.

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