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Graubünden : Das "Bergkirchli" von Arosa

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So bekannt ist die Schweiz dann doch nicht, daß ihre Kunst und Kultur nicht noch kleine Geheimnisse bergen würde. Manchmal hilft der Zufall weiter, manchmal das Wetter.

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          So bekannt ist die Schweiz dann doch nicht, daß ihre Kunst und Kultur nicht noch kleine Geheimnisse bergen würde. Manchmal hilft der Zufall weiter, manchmal das Wetter. Für das in achtzehnhundert Metern über dem Meer gelegene Arosa zum Beispiel sagt die Statistik, daß dort die Sommersonne durchschnittlich zehn Stunden am Tag scheine. Aber während unseres sechstägigen Aufenthalts blinzelte sie nur an einem einzigen Tag hinter Wolken hervor. Ansonsten regnete es, Nebel wallten über die Berge, und die Temperaturen fielen fast auf den Gefrierpunkt. Da war es gut, daß in der Lobby des Hotels schon frühmorgens das Holz im Kamin brannte und die knisternden Scheite zumindest jeweils eine Körperhälfte stets wohlig wärmten.

          An solchen Tagen, wenn die Welt nur grau ist und man den Kopf durchschnittlich zehn Stunden am Tag in Zeitungen und Bücher steckt statt in die frische Luft, an solchen Tagen beginnt man düster aus dem Fenster zu starren und auf jede Kleinigkeiten zu achten, um dem Terror der langsam fließenden Zeit zu entgehen. So geriet die auf einem nahen Hügel gelegene unscheinbare Kapelle ins Blickfeld, die man sonst gern übersehen würde: zu schlicht, zu bedeutungslos, Kultur der einfachen Denkart.

          Spartanische Kargheit

          Irrtum, sagte der Hoteldirektor, das "Bergkirchli" ist das älteste Gebäude in Arosa und zählt in dem ehemaligen Walserdorf zu den kulturhistorisch wichtigsten Zeugnissen. Die sind unter anderem im Heimatmuseum zu bestaunen; etwa eine fünfhundert Jahre alte Wohnstube samt Inventar und ein Zweierbob von 1940. Kein Zweifel, aus diesen Exponaten läßt sich schon so etwas wie Kultur ableiten. Auf freier Flur stehen zudem noch ein paar gut erhaltene und von der Sonne dunkelbraun gegerbte Walserhäuser, die allerdings beileibe nicht aus dem dreizehnten Jahrhundert stammen, in dem die deutschsprechenden Walser das Hochtal von Arosa besiedelten.

          Das schlichte "Bergkirchli" wurde in den Jahren 1490 bis 1492 gebaut. So ist es in die spätgotische Holzdecke gekerbt, wo auch das Wappen Österreichs und des Bischofs Heinrich V. von Hewen zu sehen sind. Ansonsten ist der Kirchenraum von spartanischer Kargheit: Holzbänke, ein Holzpult, hölzerne Kerzenleuchter und eine hellblau gestrichene Orgel mit Flügeltüren sind das einzige Inventar. Bis zum Bau der neuen Pfarrkirche in Arosa (1908) war die Kapelle vor der Kulisse der imposanten Hochwang-Bergkette sozusagen das geistige und religöse Zentrum der verschiedenen Weiler im Gemeindegebiet von Arosa. Dann wurde das "Bergkirchli" als Lagerhaus genutzt und verfiel - bis gute Menschen den kultur- und kunsthistorischen Wert des Gotteshauses erkannten und 1992 mit der Renovierung der Kapelle auf dem Moränenhügel begannen. Seitdem wird für ein kunstinteressiertes Völkchen erhabene Musik im ansonsten immer verschlossenen "Bergkirchli" geboten, in dem dann, so heißt es in einer Broschüre, "Instrumental- und Vokalsolisten klassische Werke vortragen oder Organisten auf der historischen Hausorgel von 1760 barocke Kompositionen spielen". Die Bergkapelle mit dem holzverkleideten, zehn Meter hohen Turm, in dem noch die Glocken von 1492 hängen, schätzen allerdings auch Trauergemeinden und mehr noch Hochzeitsgesellschaften.

          Schlichte Ästhetik

          Die Bedeutung dieser historischen Kapelle für das kulturelle Selbstverständnis von Arosa ist enorm und erklärt sich aus der armen, bäuerlichen Vergangenheit, in der das spätgotische Kirchlein bereits als Hochkultur betrachtet wurde. So ist es bis heute geblieben, denn im Gefolge der Fremdenverkehrsindustrie, die Arosa von 1890 an in ein neues Zeitalter katapultierte, entstanden kaum Kunst und Kultur im traditionellen Sinne. Arosa heute - das scheint ein ungeplantes Konglomerat von Hotelbauten und Wohnhäusern zu sein, deren nichtssagende, gelegentlich auch wüste Architektur erst im Sommer sichtbar wird, weil in der Hochsaison der Winter alle Sünden aller Baumeister dieser Welt gnädig mit Schnee verhüllt. In diesem Umfeld der gestörten Moderne sticht die schlichte Ästhetik der spätgotischen Bergkapelle um so deutlicher hervor - als zeitloses, wertkonservatives Kulturdenkmal.

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