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Gnadenlos günstig (8) : Systemabsturz in der Käseglocke

Hinterm Horizont geht’s weiter. Dort liegt allerdings nicht Bora-Bora, sondern märkischer Sand mit Kiefernwald Bild: Stefan Locke

Ohne Flugzeug in blühende Landschaften: Die Südsee mit Palmen und Sandstrand und allem drum und dran ist in Brandenburg bisweilen leichter zu erreichen als der Spreewald - auch wenn dieser einem vielleicht näher ist.

          8 Min.

          Brandenburg. Es gibt dieses garstig-komische Lied von Rainald Grebe, in dem er das Land singend am Klavier vernichtet. Man kennt Matthias Platzeck, den Deichgrafen während der Oderflut und kurzzeitigen SPD-Chef, und erinnert sich vielleicht noch an Manfred Stolpe, Maut-Manni, dessen Name hier sogar eine eigene Autobahnausfahrt hat. Der Tourismusprospekt, den wir jetzt in unseren Händen halten, zeigt auf dem Cover den Spreewald und empfiehlt das Land so: "Brandenburg. Das Weite liegt so nah."

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Für die Anfahrt träfe der Slogan "Nähe ist so weit" besser zu, denn wer von Sachsen oder Berlin aus nach Brandenburg fährt, sieht erst einmal nur Natur. Felder und Wiesen bis zum Horizont und immer wieder Kiefern. Dann, auf halber Strecke zwischen Dresden und Berlin, der Bruch: Eine überdimensionierte graue Käseglocke boxt dort den Himmel, selbst die größten brandenburgischen Kiefern sehen neben ihr wie Zahnstocher aus. Es ist das "Tropical Islands", jene Attraktion, auf die der brandenburgische Werbeslogan vielleicht am besten passt. Seit knapp zehn Jahren gibt es dieses Tropenhaus. Die größte frei tragende Halle der Welt wurde einst als Werft mit viel Fördergeld in den märkischen Sand gesetzt; moderne Zeppeline sollten darin gebaut werden, die sperrige Lasten auf dem Luftweg transportieren. Im Sommer 2002 ging die Firma pleite, ein malaysischer Konzern übernahm alles für ein Viertel des ursprünglichen Preises und machte aus dem innovativen Standort ein überdimensioniertes Spaßbad: Party statt Produktion. Wir hatten uns deshalb geschworen, nie hierherzukommen, doch mit der Zeit verrauchte die Verachtung und überhaupt: Wir wollten auch nie nach Mallorca, sind inzwischen doch einmal dort gewesen und immer noch überrascht. Warum es also nicht auch auf einen Versuch mit "Tropical Islands" ankommen lassen?

          Übernachten im Indianerreservat

          Nächste Ausfahrt Staakow deshalb, durch Wald und über eine Eisenbahnbrücke, und der Abzweig zum "Tropical-Islands-Campingplatz" ist erreicht, der in diesem Jahr eröffnet worden ist, aber jetzt erst einmal geschlossen hat.

          Nur ein paar Winzigkeiten fehlen im Tropical Island zum Südseeglück, der Sternenhimmel zum Beispiel.
          Nur ein paar Winzigkeiten fehlen im Tropical Island zum Südseeglück, der Sternenhimmel zum Beispiel. : Bild: Reiner Riedler / Anzenberger

          "Mittagsruhe von 13 bis 14 Uhr" informiert ein Aufsteller im "Camp-Shop", den man nur erkennt, wenn man das Gesicht an die Glastür presst. Zwei holländische Familien, eine mit Wohnmobil, eine mit Wohnwagen, warten schon an der Schranke und erklären, was sie erspäht haben: dass noch genügend Platz auf dem Platz sei. Wir nutzen die Gelegenheit und drehen eine Runde auf dem Campingplatz. Er mutet an wie ein von der Zivilisation bedrohtes Indianerreservat: Auf der einen Straßenseite stehen weiße Stoff-Tipis mit Feuerstelle, auf der anderen Wohnmobile mit Elektrogrills und Satellitenschüsseln. Ein mittlerer Platzregen treibt uns zurück zur Rezeption, an der jetzt wieder gearbeitet wird, und wir entscheiden uns kurzerhand für ein vorinstalliertes wetterfestes Holz-Tipi mit schon bezogenem Bett. Wenn man will, kann man im piekfeinen Waschhaus sogar ein Vollbad nehmen.

          Mit dem Bus-Shuttle in die Tropen

          Mit einem kühlen Getränk sitzen wir später vor unserer Hütte, starren auf die Tipi-Zelte um uns herum und träumen von Palmen in den Tropen. Zwei Kilometer entfernt leuchtet das Dach des "Tropical Islands". In der Dämmerung sieht es aus wie ein von Außerirdischen auf den märkischen Boden herabgelassenes Raumschiff. Rings herum stehen, noch immer gut getarnt, ausgediente Flugzeughangars. Die Landepiste des ehemaligen Militärflughafens wurde in einen Parkplatz umgewandelt. Die Flucht in wahre tropische Gefilde ist also schon mal ausgeschlossen.

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