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Glosse : Wunsch-Whopper

Lang lebe der Individualismus:Bei Burger King in München kann man sich jetzt seinen eigenen Whopper zusammenstellen. Das klingt einfacher, als es ist. Bild: AP

Arbeitsplätze sind derzeit ein rares Gut. Ein Unternehmen, das unnötig viele davon schafft, verdient Lob - vor allem, wenn es dafür auch absurde Arbeitsabläufe und eine extreme Verlangsamung der Produktion in Kauf nimmt.

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          Arbeitsplätze sind derzeit ein rares Gut. Ein Unternehmen, das unnötig viele davon schafft, verdient Lob - vor allem, wenn es dafür auch absurde Arbeitsabläufe und eine extreme Verlangsamung der Produktion in Kauf nimmt. Die Fast-Food-Kette Burger King macht das derzeit mit bewundernswerter Konsequenz in München vor, wo sie die erste Whopper-Bar Europas eröffnet hat. In dieser kulinarischen Einrichtung, die offensichtlich mehr für Gourmets als für Gourmands gedacht ist, bestellt und bezahlt man bei einer Dame, die einem ein Zettelchen reicht. Eine weitere Dame befüllt die Getränkebecher, daneben steht ein lächelndes Wesen, das leider nichts mehr zu tun abbekommen hat. Ein paar Meter weiter steht eine vierte freundliche Dame, die einem nach den kodierten Informationen à la "Cheese Slice" oder "Bacon Portion" den Burger zusammensemmelt. Das Endprodukt legt sie auf ein Tablett, das einem von einer weiteren Person zugeschoben wird, die dafür das Zettelchen in Empfang nimmt. Insgesamt sind also sieben Personen am Schöpfungsprozess eines Burgers beteiligt: eine Kassiererin und Zettelreicherin, eine Becherbefüllerin, eine Zähnezeigerin, ein Fleischbrater im Hintergrund, eine Semmelmamsell, genannt "Whopperista", ein Tablettschubser und der Kunde des Etablissements. Denn in der Whopper-Bar ist grenzenloser Individualismus gefragt: Nach dem Subway-Prinzip sucht sich jeder die Einzelteile des Burgers selbst aus. Aber nicht jeder will das überhaupt; die Verweigerer erkennt man an folgendem uninspirierten Satz: "Kann ich nicht einfach einen Whopper bestellen?"

          Crazy Cheese mit Mushrooms XT

          Dieser Satz - das sollten die Adipositas-Aspiranten der Zukunft wissen - ist in der Whopper-Bar unangebracht. Wenn der Konzeptentwickler daneben stünde, stolz sein Werk betrachtend, würde ihn alleine das Ansinnen in tiefe Depression stürzen - oder, je nach Temperament, erbosen: "Du verweichlichter Mainstream-Esser! Woher kommst du, aus einem Raumschiff der Borg? Ich will hier nur Individualisten sehen! Du bestellst jetzt sofort den Crazy Cheese mit Mushrooms XT als Double-Whopper-Sandwich! Wird's bald?"

          Natürlich klingt das in den offiziellen Verlautbarungen von Burger King alles etwas anders. Eher nach: "Wir haben die Whopper-Bar designt, um das ultimative Have-it-your-way-Erlebnis für unsere Kunden zu schaffen." Und wer findet, dass sein persönlicher Weg genau der Weg ist, den Brötchenhälften, Fleisch, Soße und Käse von Anbeginn der Firmengründung an gingen, der hat jetzt eben Pech gehabt. Der Traditionalist unter den Whopper-Bestellern ist stigmatisiert. Es ist wie ein Nobeldisko-Besuch in Turnschuhen: Man kommt vielleicht an einem unaufmerksamen Türsteher vorbei und fühlt sich dabei ein bisschen rebellisch, weil man das Diktat nicht mitmacht - doch die anderen erkennen einen trotzdem sofort als denjenigen, dem einfach nichts Aufregenderes eingefallen ist.

          Arbeitsablauf wie bei der stillen Post

          Wer also das Wagnis der Burger-Kreation eingeht, sagt beim ersten Versuch so etwas wie: "Ich hätte gerne einen Whopper mit Jalapeños und Käse, aber unbedingt ohne Zwiebeln." Beim zweiten Versuch weiß man dann schon: Die Bestellung funktioniert nach dem Reizwortprinzip, und die Formulierung "ohne Zwiebeln" löst bei Dame Nummer eins nur aus: "Ah! Zwiebeln hat der Kunde gesagt!" Man bekommt also einen Burger mit Jalapeños, Käse und hier allen Ernstes "angry onions" genannten Zwiebeln. Kein Wunder bei einem Arbeitsablauf, der von der stillen Post abgeschaut wurde. Wer daraufhin seinen Bestellzettel betrachtet, um eine Erklärung für die Zwiebeln im Burger zu finden, sieht einen Hinweis. Ausdrücklich und ganz groß gedruckt, damit die Semmelmamsell es auch ja nicht übersehen kann, steht da: "Ohne Gurken".

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