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Glosse : Hotelliteratur

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Literarische Weihen: Das Züricher Hotel Baur au Lac hat einen Auftritt in Michel Houellebecqs neuem Roman „Karte und Territorium”. Bild: Archiv

Legende ist die Zahl der Schriftsteller, die in Hotels gelebt und gearbeitet haben. Besonders viele sind es in der Schweiz gewesen. Diese Tradition wird jetzt wieder aufgegriffen: Autoren sind eingeladen, in schweizerischen Luxushotels zu übernachten und eine Kurzgeschichte zu schreiben.

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          Endlich ist in einem großen zeitgenössischen Roman wieder einmal von den legendären Schweizer Hotels die Rede: in Michel Houellebecqs "La carte et le territoire", das den begehrtesten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, bekommen hat und im kommenden Frühling in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Ansonsten wird im Zusammenhang mit der Hotelliteratur vor allem die große Tradition zelebriert. Eines ihrer glorreichsten Kapitel schrieb Vladimir Nabokov, der sechzehn Jahre lang im Montreux Palace lebte. Im Quellenhof von Bad Ragaz erinnert eine Büste an Rainer Maria Rilke, der gerne Gast in wechselnden Luxushotels war. Ein Ort der Literatur, des Denkens und der Musik ist auch das Waldhaus in Sils Maria, in dem Friedrich Nietzsche seine Spuren hinterließ.

          Auf der langen Gästeliste der Schweizer Hotellerie stehen auch die Namen von Voltaire, Goethe und Balzac, von Victor Hugo, Hans Christian Andersen und Leo Tolstoi. Von den Zeitgenossen sind John le Carré, der zwei Thriller im Berner Bellevue ansiedelte, und Paulo Coelho verbürgt - welcher Verleger auch immer die Rechnung bezahlen mag. Michel Tournier, der Jahrzehnte vor Houellebecq den Goncourt-Preis bekam, hat dem Zürcher Storchen an der Limmat eine himmlische Ode gewidmet. In dessen Bar konnte man den kürzlich verstorbenen Hugo Loetscher treffen, der um die Ecke wohnte.

          Dieser exzessive Luxus

          Bei Houellebecq werden das Hotel Widder und das Baur au Lac in Zürich erwähnt. Vielleicht hat der Schriftsteller hier übernachtet. Er war jedenfalls in der Gegend, die er in "Karte und Territorium" genauestens beschreibt. Doch seinem Protagonisten Jed Martin, dem erfolgreichen Maler, hätte der "exzessive Luxus" der beiden Häuser, die er sich wohl leisten könnte, nicht behagt. Vielleicht, sinniert Jed Martin und hofft es insgeheim, hat zumindest sein Vater im Baur au Lac noch eine Nacht verbracht - bevor er zu Dignitas fuhr, um seine letzte Reise anzutreten. Was Michel Houellebecq vom eidgenössischen Sterbetourismus hält, macht er recht gewaltsam deutlich: Jed Martin schlägt eine Sekretärin von Dignitas brutal zusammen. Übernachten lässt ihn Houellebecq in einem der großen anonymen Hotelkästen nahe dem Flughafen.

          Auch Großschriftsteller schätzen Komfort: Leo Tolstoi ist einer der vielen Dichter, die gerne in den besseren Hotels der Schweiz übernachteten.
          Auch Großschriftsteller schätzen Komfort: Leo Tolstoi ist einer der vielen Dichter, die gerne in den besseren Hotels der Schweiz übernachteten. : Bild: dpa

          Der literarische Mythos lebt, auch dank der vielen Schweizer Schriftsteller, die rührige Agenten in edle Häuser vermitteln: Sie machen eine Lesung und dürfen zwei- oder dreimal umsonst übernachten. Das Waldhaus organisiert ein besonders hochstehendes Kulturprogramm, kürzlich hat Fritz Stern mit den Gästen diskutiert. Nicht zum Lesen und Reden, sondern zum Schreiben wollen im nächsten Jahr die Swiss Deluxe Hotels Schriftsteller einladen. Die Aktion "Writers in Residence" steht im Dienste der langfristigen Imagepflege. In der Krise ist die Zahl der Übernachtungen zurückgegangen, der teure Schweizer Franken bringt neue Probleme. Auf einer Pressekonferenz präsentierten kürzlich eine Kulturwissenschaftlerin und die Schriftstellerin Zoë Jenny das Projekt. Letztere hat drei Monate lang im Basler "Les Trois Rois" gelebt und den Roman "Ein schnelles Leben" zu Ende geschrieben: "Ideale Arbeitsbedingungen für einen Autor. Man konnte dort einsam sein, ohne dass man allein ist", sagt Jenny.

          Nicht jeder hat Jennys Glück

          Ganz so gastfreundlich können oder wollen die Swiss Deluxe Hotels nicht sein. Der Aufenthalt ist auf drei Tage beschränkt und mit der Auflage verknüpft, eine Kurzgeschichte zu schreiben. Willkommen sind Schweizer oder in der Schweiz lebende Schriftsteller, von denen ein gewisser Leistungsausweis verlangt wird. Die Sammlung ihrer Kurzgeschichten soll im Frühjahr 2012 erscheinen.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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