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Glosse : Ein gutes Jahr

Die gute Nachricht lautet: Es wird besser. Die schlechte: weil es nicht mehr schlechter geht. Sei's drum, frisch voran. 2006 mag im chinesischen Kalender das Jahr des Hundes und im Kalender der Vereinten Nationen das Jahr der Wüste sein. In der Zeitrechnung der deutschen Trübseligkeitsfarce ist es das Jahr des wärmenden Optimismus.

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          Die gute Nachricht lautet: Es wird besser. Die schlechte: weil es nicht mehr schlechter geht. Sei's drum, frisch voran. 2006 mag im chinesischen Kalender das Jahr des Hundes und im Kalender der Vereinten Nationen das Jahr der Wüste sein. In der Zeitrechnung der deutschen Trübseligkeitsfarce ist es das Jahr des wärmenden Optimismus - allein schon dank des gewesenen Kanzlers, der an exponierter Stelle dafür sorgt, daß seine Landsleute nie mehr frieren müssen, weil sie fortan Gas zum deutsch-russischen Freundschaftspreis beziehen. Der Osten rettet jetzt sowieso den Westen, angeführt von Pastorentöchtern, Deichgrafen und einem schwarzgelockten Zonen-Zorro aus Görlitz, der, unterstützt von einem schwäbischen Bäckerssohn mit kalifornischer Lebensbejahung, sich für die eintausendvierhundert Milliarden Euro Entwicklungshilfe mit dem Einzug ins Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft bedankt. So fassen die Deutschen wieder Mut, heben das Haupt, reisen in die Ferne, weil Amerika zwar stark, der Dollar aber schwach ist, und ins befreundete Ausland am Mittelmeer, weil man dort vielleicht nicht weiß, was ein anständiger Schweinsbraten ist, dafür aber, wie ein anständiger Sommer auszusehen hat.

          Alle Prognosen stimmen hoffnungsfroh. Der Deutsche Reiseverband glaubt fest daran, daß die Tourismusbranche im nächsten Jahr wieder an alte Rekorde anknüpfen wird. Fünf Prozent Plus seien realistisch, Ende 2006 könnte sogar das Niveau von 2001 erreicht werden, des bisher besten Jahres überhaupt. Die Fachzeitschrift "fvw International" weiß, daß die Sommersaison 2006 blendend angelaufen ist, und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hat die besonders erfreuliche Mitteilung zu machen, daß im Gastgewerbe wegen der großen Konkurrenz keine Preiserhöhungen geplant seien - welch ein glückliches Omen für die Fußballweltmeisterschaft.

          Bitte einsteigen

          Das größte Massenereignis in Deutschland seit Olympia 1972 wird von seinen Bewohnern allerdings eine grundlegende Umstellung verlangen: Die Reiseweltmeister müssen sich 2006 nicht mehr nur als Gast, sondern wegen der erwarteten fünf Millionen Übernachtungen internationaler Besucher zusätzlich auch als Gastgeber bewähren - sich also anders benehmen als im Ausland. Dort neigen sie mitunter dazu, die Welt nach ihren Vorstellungen formen zu wollen und über landestypische Eigenarten die Nase zu rümpfen. Es kommt vor, daß Touristen vor Gericht Schadensersatz und Schmerzensgeld zu erstreiten versuchen, weil das Zirpen der Grillen sie in der Tropennacht terrorisierte oder weil das Essen in Drittweltländern mit seltsamen Gewürzen wie Kurkuma absichtlich ungenießbar gemacht wurde.

          Wären unsere Gäste des nächsten Jahres so zimperlich, sie hätten Grund genug zur Klage; etwa darüber, daß ihnen in den Stadien als deutsches Nationalgericht Currywurst serviert wird, Fleischabfall im Darmkorsett, ertränkt in einer kleisterdicken Tomatenimitationssauce, erstickt von einem staubtrockenen Pulver, das nach Industriedünger schmeckt; oder darüber, daß man sieben Minuten lang auf sein Bier warten muß, nur damit es von einem nutzlosen, geschmacksneutralen Schaum geschmückt wird, der schnell wieder verschwindet und Platz für kostbaren Gerstensaft wegnimmt; oder darüber, daß man in den Toiletten von Autobahnraststätten einen Obolus an grimmige Hadeswächter entrichten muß, Brüder und Schwestern im Geiste so vieler Werktätiger, die Dienstleistung mit der Miene des Frondienstes verrichten. Unvergessen ist in diesem Zusammenhang der Volksaufstand in den Verkehrsbetrieben der deutschen Hauptstadt, als vom Stationspersonal Ungeheuerliches verlangt wurde, nämlich dem Wort "Einsteigen" ein "Bitte" voran- oder hintanzustellen. Zum Glück können wir uns im Weltmeisterschaftsjahr unsere schlechte Laune nicht mehr leisten. Deswegen wird 2006 wunderbar.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

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