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Gletscher-Gang : Der Berg rutscht

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Mit einer „Frischhaltefolie” wollen Schweizer den Gurschen-Gletscher vorm Schmelzen schützen Bild: dpa/dpaweb

Für hibbelige Großstädter ist er ein Ort der Ruhe, für das Hochgebirge ein Permafrostkleber: der Riedgletscher. Christian Schwägerl macht sich auf eine Wanderung durch schmelzendes Eis und bröckelnde Berge.

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          Der Pfad aus dem Urlaubsdorf Grächen zum endlichen Eis des Riedgletschers führt an Milchbächen entlang, den Suonen. Das macht den Anfang unserer Strecke angenehm, denn die Walliser Bergbauern haben die künstlichen Wasserwege über Kilometer beinahe waggerecht in den Berg geschlagen. Die Suonen zu schaffen und über Jahrhunderte zu pflegen, bedeutete knochenharte Arbeit. Niemand dachte daran, sagt Michael, mein Bergführer, daß die Kanälchen im 21. Jahrhundert erschlafften Bürokörpern Fotomotive und ebene Wandermöglichkeiten verschaffen würden.

          Suonen sind als Überlebensadern konzipiert und lenken, wenn in heißen, regenarmen Sommern die Wiesen zu verdörren drohen und die Milchdrüsen der Kühe versiegen, milchiges Gletscherwasser zu den verstreuten Almen. Sommerliches Gletscherwasser ist den Bergbauern kostbar. Wer aus Suonen wieviel Wasser entnehmen darf und was dafür an die Wassermeister zu entrichten ist, unterliegt seit jeher strengen Regeln und sorgt für üblen Streit. Doch heute gibt es deutlich mehr Gletschermilch, als den Alpenbewohnern recht ist.

          Gletscher schrumpft bedenklich schnell

          Das ewige Eis des Hochgebirges entpuppt sich als höchst vergänglich, die Gletscher schmelzen in einem Tempo, das Glaziologen, Geologen und Klimaforscher überrascht und beunruhigt. Im Vergleich zu 1850 ist die Eismasse der Alpen bereits um die Hälfte kleiner. Wo auch immer Gletscherforscher messen, stoßen sie auf schrumpfendes Eis.

          Eigerwand bricht ab: 700.000 Kubikmeter Gestein donnern ins Tal
          Eigerwand bricht ab: 700.000 Kubikmeter Gestein donnern ins Tal : Bild: dpa

          Der mächtige Aletschgletscher, 23 Kilometer lang und bis zu achthundert Meter tief, verkürzte sich in einem einzigen Jahr um 66 Meter. Ist das Schmelzen erst einmal in Gang gekommen, verläuft es immer schneller, je kleiner die Eisfelder werden. Und erwärmt sich die Erdatmosphäre um fünf Grad, wie es die Klimaexperten der Vereinten Nationen für möglich halten, könnte das Gebirge aktuellen Berechnungen der Universität Zürich zufolge im Jahr 2100 eisfrei sein.

          Eine eigene Welt

          Gletscher ade? Der Riedgletscher zählt ohnehin zu den kleinsten Gletschern der Schweiz. Gemessen am nahen Aletsch handelt es sich geradezu um einen Winzling. Auf der Landkarte hatte er auf dem langen Weg zur Bordier-Hütte - die auf 2886 Meter Höhe liegt und schon wegen des legendären Mirabellenschnapses, den der Wirt ausschenkt, ein lohnendes Ziel ist - nur nach einem kleinen Hindernis ausgesehen.

          Welch ein Irrtum. Einige Schritte nur, und die normalen Relationen der Raumzeit sind außer Kraft gesetzt. Hundert Meter auf dem Riedgletscher fühlen sich an wie mehrere Kilometer in der Welt da draußen. Es ist, als wäre die Schwerkraft vervielfacht und die Zeit verdünnt, die restliche Berglandschaft rückt in galaktische Ferne, man betrachtet die Welt wie durch eine Lupe. Das Eis schluckt jeden Schall, es zieht Worte wie Wasser in hellblaue Ritzen und Fugen hinab.

          Rückzugsraum für hibbelige Großstädter

          Wer sich fragt, warum es überhaupt bedauerlich wäre, wenn die Gletscher verschwänden, wer denkt, daß es sich nicht um bedrohte Lebewesen, sondern um eine hirnlose Masse Eis handelt, die in der Landschaft herumliegt, wer das Bergbauerntum für übersubventionierte Nostalgie hält und wer daran erinnert, daß jede Menge Gletscher am Ende der Eiszeit sinnstiftend geschmolzen sind, weil sich erst dann die menschliche Zivilisation breitmachen konnte, dem sei diese eine kleine Wanderung ans Herz gelegt.

          Denn dieser Gletscher hat ein Eigenleben wie Stanislaw Lems Planet Solaris, zieht Aufmerksamkeit und alle Gedanken wie magnetisch an. Allein zu zweit mit dem Gletscher, einem uralten Ding, gefrorener Zeit: Wer als Bewohner der hibbeligen Dienstleistungszonen mit der ruhenden Naturmacht konfrontiert ist, darf eine Demut und Kleinheit kosten, die aus dem Hypertakt der Metropolen verschwunden ist. So wie man die letzten Funklöcher als Unerreichbarkeitsgebiete erhalten sollte, sind Gletscher wichtige Rückzugsräume, die bei Menschen eine rare Empfindung auslösen, Bescheidenheit.

          Permafrost-Klebstoff für das Hochgebirge

          Mein Bergführer, Michael, empfindet das als sehr urbane Argumentation und führt einen praktischeren Grund an, sich um die schmelzenden Gletscher zu sorgen: Mit dem Eis verschwindet der Permafrost-Klebstoff, der das ganze Hochgebirge zusammenhält. Was passiert, wenn er fehlt, war im August am Eiger zu besichtigen. Ein gewaltiger Felshang donnerte ins Grindelwaldtal und Klimaforscher sagten, dahinter steckten nicht natürliche Klimaschwankungen, sondern das, was fernab in Automotoren, Supermärkten und Wohnungen beginnt - wo der Ausstoß von Treibhausgasen initiiert wird, die zusätzliche Sonnenenergie in der Erdatmosphäre auffangen.

          Skeptiker werden sagen: Na und? Auch die Mittelgebirge waren einmal Hochgebirge, doch da gibt es einen kleinen Unterschied. Früher haben die Menschen für die simpelsten Dinge magische Erklärungen gesucht, heute verhält es sich umgekehrt: Sie müssen vermuten, daß hinter schmelzenden Giganten, kollabierenden Bergwänden und bröckelnden Felswänden letztlich sie selbst stecken. Als wir die andere Seite des Riedgletschers erreichen, gibt es ein Rumpeln und Rutschen und uns fällt ein Felsbrocken fast vor die Füße, so groß wie ein Kleiderschrank. Liegt plötzlich da, als ob er schon immer dagelegen hätte. War er aber nicht. Um wenige Momente wären wir kleine, demütig zerquetschte Käfer geworden.

          Wer bringt den Berg ins Rutschen?

          Die Szenarien der Klimaforscher werfen eine komische Frage auf: Wer hat diesen Felsbrocken ins Rutschen gebracht - die gute, alte Schwerkraft oder ein amerikanischer Familienpanzerfahrer, der Zufall oder ein europäischer Überseeapfelgenießer, der Nachtregen oder ein chinesischer Klimaanlagenbenutzer? Steine fallen vom Berg, seit es Berge gibt. Doch der Sprung vom Menschen, der Kanäle in den Stein haut, zum Menschen, der Skipisten planiert, zum Menschen, der das ganze Hochgebirge zum Schmelzen, Rutschen und Wackeln bringt, ist denkbar. Wie schön wäre es, die Bordierhütte samt Mirabellenschnaps bliebe das mächtigste Zeugnis des Menschen in dieser Höhe.

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