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Gardasee : Nebensaison ist mehr als nur ein Wort

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Ich habe Heimweh nach Sirmione“, hat Maria Callas angeblich kurz vor ihrem Tod gesagt. Ein Jahrzehnt lang verbrachte sie die Sommermonate in dem grellen Städtchen am Gardasee, das sich nur in der Nebensaison den Luxus der Melancholie gönnt. Bild:

Die Parkplätze sind leer, die meisten Restaurants geschlossen, und das Fremdenverkehrsamt wirbt mit der rätselhaften Zeile „1 auf Papier Garda“: Graue Tage in Sirmione am Gardasee.

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          Da oben, in dem kleinen Turmzimmer, da hat sie am Klavier gesessen und ihre Rollen einstudiert.“ Ach, ja? Tatsächlich gibt es in der kunterbunten Überfülle der vom Fremdenverkehrsverein Sirmione publizierten Broschüren und Faltblätter auch ein Foto von Maria Callas. Darauf ist eine recht mollige Diva zu sehen, üppig in festlichen Brokat gehüllt, die schwarzen Haare im Nacken zu einer Welle frisiert, den Blick konzentriert auf die Notenblätter am Flügel gerichtet. Das Instrument ist mit einem bestickten Überwurf bedeckt, ein breit goldgerahmtes Gemälde hängt an der Wand, und ein elektrifizierter Kandelaber beleuchtet die Szene, in die sich am vorderen rechten Bildrand noch ein Polstermöbel drängt. Diese Fotografie – kaum mehr als der komische Schnappschuss eines Fünfziger-Jahre-Interieurs – gewinnt allein durch die Dame am Flügel seine Bedeutung.

          Bis zur Trennung von ihrem Ehemann Giovanni Battista Meneghini im Jahr 1959 verbrachte Maria Callas fast ein Jahrzehnt lang die Sommermonate in der Familienvilla in Sirmione am Gardasee. Es ist reizvoll, sich vorzustellen, wie ahnungslose Wirtschaftswundertouristen auf ihren Spaziergängen durch den Ort plötzlich den Koloraturübungen der berühmtesten Sängerin des zwanzigsten Jahrhunderts lauschen konnten. Wobei die Callas in diesen frühen Jahren nur einem ausgewählten Kreis von Opern-Enthusiasten bekannt war; der Weltruhm kam später.

          Der Fluch des Massentourismus

          Auch Sirmione, dieses seit je als malerisch, pittoresk oder zumindest bezaubernd annoncierte ehemalige Fischernest, hat eine erstaunliche Karriere mit vielen Transformationen hinter sich. 1952 – in diesem Jahr begann das Fremdenverkehrsamt mit einer auf Italienisch so hübsch „flussi turistici“ genannten Statistik – gab es in Sirmione vierundzwanzig Beherbergungsbetriebe mit genau siebenhundertsiebzehn Betten, in denen über das Jahr verteilt immerhin schon fünfundsiebzigtausendvierhundertsechsundzwanzig Gäste übernachteten. Das war vor fast sechzig Jahren, als Maria Callas in ihrem Turmzimmer musizierte und die damals noch bescheiden sprudelnden Schwefelquellen Sirmiones in den Thermalbädern des Grand Hotels eine überschaubare Zahl von Kurgästen umspülten. Seither ist vieles geschehen.

          Schön, aber manchmal auch ganz schön voll: Rentner finden auf einer Bank in Bardolio am Gradasee nur knapp Platz.

          Es gibt im so emphatisch bewunderten und von deutscher Seele so innig geliebten Bel Paese Italien eine ganze Reihe von Orten, die der Massentourismus in einer nie wieder rückgängig zu machenden Weise kommerzialisiert, banalisiert, vulgarisiert oder musealisiert hat: das ist Rimini mit der gesamten Adriaküste, das sind Florenz, Pisa, Siena, San Gimignano mit eigentlich der ganzen Toskana; dazu gehört die Insel Ischia mit all ihren Ortschaften, die Amalfiküste, das kalabresische Tropea, das sizilianische Taormina, zweifellos Capri und auch der immer noch in Reiseführern als Geheimtipp beworbene Cilento im süditalienischen Kampanien. All diese touristischen Destinationen – nicht zu vergessen Venedig, die putzigen Trulli, Ortschaften Apuliens, der Centro storico Roms und sämtliche Städtchen an den Ufern des Gardasees – haben etwas gemeinsam: Sie sind zu Potemkinschen Dörfern geworden, hinter deren Dolce-Vita-Kulissen nur noch die Registrierkassen klingeln. „Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister werd ich nun nicht los“, entsetzte sich Goethes Zauberlehrling.

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