https://www.faz.net/-gxh-15059

Fünf Ringe im Schnee (5): Sarajevo : Goldmedaillen gegen das Vergessen

Nach Sarajevo geht es aber in die andere Richtung: Von der Bobbahn aus griffen die Serben während des Krieges die Stadt an. Bild: Karen Krüger

In Sarajevo sind die Erinnerungen an die Olympischen Winterspiele untrennbar mit dem Krieg verbunden. Doch die Menschen haben sich geschworen, dass Olympia über das Trauma siegen wird.

          Ach Katarina, was haben wir Dich geliebt, damals, als wir Kinder uns eigentlich nur deshalb zu den Erwachsenen ins Wohnzimmer setzten, weil wir sehen wollten, wie Vucko, der kleine Wolf und das Maskottchen der Olympischen Winterspiele von 1984, mit einem heulenden "Sarajevooo!" jeden Nachmittag im Fernsehen den Beginn der Wettkampfübertragung ankündigte. Doch dann hast Du das Eis betreten, und sofort fanden wir Dich strahlend und wunderschön, blieben hängen vor dem Fernseher, sahen zu, wie Du in Deiner Kür ,Puztamädchen', mit Pluderärmeln und einem Röckchen, das so kurz war, dass wir uns fragten, ob das nicht kalt sei auf dem Eis, einen Csardas, den ungarischen Nationaltanz, tanztest - seine Herkunft hatten uns die Erwachsenen erklärt. Das Eis schien zu beben, und wir bebten auch. Auf dem Schulhof am nächsten Morgen diskutierten wir, ob man nun zu Dir halten könne, obwohl die drei Buchstaben DDR auf Deiner Trainingsjacke standen. Das war nicht so einfach zu entscheiden - auch das hatten die Erwachsenen erklärt. Mit Moonboots an den Füßen versuchten wir dann Deine Sprünge nachzuahmen und waren uns schnell einig: Katharina Witt soll Gold bekommen. Die Punktrichter schlossen sich unserer Meinung an. Auf dem Gymnasium lernten wir ein paar Jahre später, dass in Sarajevo mit dem Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Gattin die ersten Schüsse des Ersten Weltkriegs gefallen waren. Doch das war uns irgendwie egal. Sobald wir den Namen Sarajevo hörten, dachten wir auch weiterhin an Vucko und an Deinen Eiskunstlauf. Das ging so, bis der Krieg die Stadt abermals gefangen nahm. Seitdem hat die Erinnerung an ihn die Oberhand.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ach, Katarina Witt, sagt Edin Numankadic und rollt das R dabei mit einer männlichen Inbrunst, die wir als Kinder noch nicht verstanden hätten. "Sie war so charmant, gerade achtzehn Jahre, und dann die erste Goldmedaille ihrer Karriere. Auf dem Eis gesehen habe ich sie jedoch nie", sagt er und hebt bedauernd die Hände. Edin Numankadic ist Künstler, einer der bedeutendsten Bosnien-Hercegovinas, und der Direktor des Olympischen Museums von Sarajevo. Das war er damals schon, im Jahr 1984, als plötzlich die ganze Welt auf diesen kleinen Ort in Jugoslawien blickte, der, umgeben von mächtigen Bergen, in einer Talsenke liegt, in dem sich Synagogen, Moscheen und Kirchen drängen, als habe hier ein Architekt für Multikulturalismus seine Phantasien ausgelebt, und in dem jahrhundertelang Serben, Bosnier, Slowenier und Kroaten einander heirateten, so dass die Menschen, wenn man sie nach ihrer Herkunft fragte, einfach antworteten: aus Sarajevo. Dass die internationale Aufmerksamkeit durch die Olympischen Winterspiele einmal vielen Stadtbewohnern das Leben retten würde, ahnte damals niemand. In den Straßen und Gassen war ein Stolz und eine Freude, die von nun an für alle Zeiten über der Stadt zu schweben schien. Dabei hielt Jugoslawien nur den Atem an vor seinem endgültigen Zerfall.

          Goldmedaille in den Trümmern

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.